100 Punkte: perfekte Bürger für den perfekten Staat (natürlich China – was sonst?)

In Deutschland haben wir die Schufa. Sie verfügt über 797 Millionen Einzeldaten zu 66,4 Millionen Personen und 5,2 Millionen Unternehmen.

Aufgrund der Daten wird die Kreditwürdigkeit einer Person oder eines Unternehmens ermittelt und als Punktewert in einem Bereich von 1 bis 100 wiedergegeben, der einen Schätzwert für die Wahrscheinlichkeit angibt, dass ein Kredit bedient wird.

Wer eine gute Bonität hat, bekommt den Kredit und muss nur geringe Zinsen zahlen. Wer eine schlechte Bonität hat, muss hohe Zinsen zahlen, bekommt vielleicht gar keinen Kredit oder auch keine Wohnung.

In der Praxis des Wirtschaftslebens hat die Schufa sich unentbehrlich und unabwendbar gemacht.

Perfekt ist sie nicht. Die Berechnung des Score-Wertes wird von der Schufa nicht offengelegt und ist – vom Bundesgerichtshof bestätigt – Geschäftsgeheimnis.

Hinzu kommt, dass gar nicht mal selten fehlerhafte Daten zugrunde gelegt werden:

Das Bundesverbraucherschutzministerium hat 2009 eine Studie über die Fehlerquoten verschiedener Auskunfteien erstellt und festgestellt, dass die Schufa eine sehr hohe Fehlerquote hat. Die Stiftung Warentest hat für ihre Zeitschrift Finanztest schon 2003 eine Untersuchung durchgeführt und herausgefunden, dass sehr viele Daten (69 %) unvollständig, veraltet oder falsch waren. 2010 kam die Stiftung nach einer eigenen Stichprobe zu dem Ergebnis, dass 1 % der Schufa-Daten falsch seien, 8 % veraltet und bei 28 % Daten fehlten. (Quelle: Wikipedia)

Und schließlich gibt es auch Missbrauch mit der Schufa. Es sind zahlreiche Fälle bekannt, bei denen z. B. Telekommunikations-Unternehmen ihren Kunden mit einem Schufa-Eintrag drohten und diesen auch vornahmen, wenn die Kunden wegen ausbleibender Leistungen den Vertrag kündigten.

So etwas wie die Schufa gibt es in China auch.

Dort wurde 2013 eine Schwarze Liste von säumigen Schuldnern, Schwarzfahrern und anderen finanziellen Delinquenten eingeführt. Wer seinen Kredit nicht zurückzahlt oder ohne Fahrticket fährt, wer sich im Umgang mit Geld etwas zu Schulden kommen lässt, dem droht ein Eintrag in die Liste und darf dann weder fliegen, noch mit dem Hochgeschwindigkeitszug fahren.

Wer sich nicht daran hält, wird am Zielort vielleicht schon von der Polizei erwartet und vor Gericht können dann schon man 2 Wochen Haft und 15.000 EUR Geldstrafe verhängt werden.

Bei hartnäckigen Schuldnern kann ein lokales Gericht dafür sorgen, dass das Mobiltelefon des Betroffenen per Ansage Anrufer warnen muss: „Sie sind mit Jemandem verbunden, der unter Zwangsvollstreckung steht.“

8,61 Millionen Chinese stehen auf der nationalen Schuldner-Liste. 1,1 Millionen haben ihre Schulden zurückgezahlt, um wieder von der Liste zu kommen.

Diese Liste aber ist, wie man bei der Deutschen Bank sagen würde, im Grunde Peanuts.

In China regiert ein perfekter Staat, der genau weiß, was für seine Bürger gut ist und wie der perfekte Bürger sich verhalten muss. Für die perfekte Symbiose von perfektem Staat und perfekten Bürgern soll in China statt eines Kreditpunktescores, ein Sozialkreditscore eingeführt werden.

Gesellschaftliches, politisches und moralisches Verhalten der Bürger fließt dann in die Bewertung mit ein. Bis 2020 sollen alle privaten (als etwa die der chinesischen Äquivalente von Amazon, Google, eBay, WhatsApp und FaceBook) und alle staatlichen Datenbanken in China miteinander verbunden sein. Ziel ist, jegliches Verhalten zu erfassen, zu bewerten und dann zu belohnen oder zu sanktionieren.

Wirtschafts-Professor Zhang leitet das China Credit Research Centre in Peking, die Forschungsstelle für Chinas Sozialkreditsystem. Er schwärmt: „Es gibt gute Menschen, und es gibt schlechte Menschen. Nun stell dir eine Welt vor, in der die Guten belohnt und die Schlechten bestraft werden.“

Ein Pilotprojekt läuft seit ein paar Jahren in der Stadt Rongcheng (ca. 1 Millionen Einwohner). Direktor Huang vom Amt für Sozialkredit-Management in Rongcheng beschreibt die Gesellschaft als ein Ei. Oben an der Spitze die Musterbürger. „Unten am Boden die, die wir erziehen müssen.“

Eine Sachbearbeiterin des Amts erklärt:

„Der Punktestand ist anfangs für alle gleich, nämlich genau 1000. Diese Zahl erhöht sich dann mit der Zeit – oder wird niedriger. Die höchste Bewertung ist AAA. Dann geht es nach unten weiter mit AA und dann A und so weiter. Die schlechteste Bewertung ist D – da liegt man bei unter 599 Punkten.“ (Quelle: deutschlandfunkkultur.de)

Bei einer A-Bewertung steht man auf der roten (positiven) Liste. Das Ergebnis ist eine Vorzugsbehandlung bei Zulassungen für Schulen, bei sozialen Leistungen, beim Abschluss von Versicherungen, bei der Aufnahme in die Partei oder die Armee.

Hat es für ein „A“ nicht gereicht, landet man auf der schwarzen Liste. Dann ist etwa für einen Beamten der Traum von einer Beförderung bereits geplatzt.

Wer in der C-Gruppe ist, wird regelmäßig kontrolliert und bekommt bestimmte Einschränkungen (keine Flüge erster Klasse, kein Zugang zu besseren Hotels, keine Auslandsreisen).

Jemand aus der untersten Klasse D, gilt als für eine Führungsposition nicht geeignet, kann leichter entlassen werden, bekommt bestimmte Leistungen gestrichen und verliert seine Kreditwürdigkeit.

Wer viele Punkte hat, muss bei der Bank keine Sicherheiten mehr hinterlegen, wenn er einen Kredit will. Wer wenige Punkte hat, bekommt erst gar keinen Kredit und muss höhere Steuern bezahlen.

Wie bekommt oder verliert man Punkte?

Ein Bürger von Rongcheng führt aus:

„Wenn ich bei Rot über die Ampel fahre, geht’s runter mit dem Kontostand. Wenn man sich in der Öffentlichkeit daneben benimmt, zum Beispiel in eine Schlägerei verwickelt ist, kommt man sofort auf die schwarze Liste. Auch meine Arbeit im Forstamt fließt in das Sozialkredit-System ein. Wenn die Bürger mit unserem Service nicht zufrieden sind, können sie sich beschweren. Das hat dann Auswirkungen auf meinen Punktestand.“ (Quelle: deutschlandfunkkultur.de)

Was wird bewertet?

  • Kaufverhalten im Internet
  • Zahlungsmoral
  • Verhalten in sozialen Netzwerken
    • Kommentare, die einen „schädlichen Einfluss auf die Gesellschaft“ haben: 100 Minuspunkte
  • Verhalten im Straßenverkehr
    • Kleinerer Verkehrsverstoß: 20 Minuspunkte
    • Rote Ampel missachtet: 50 Minuspunkte
    • Trunkenheit am Steuer: 50 Minuspunkte
  • Umweltverhalten
    • Umweltschutzaktivitäten: 5 Pluspunkte
    • Müll nicht ordnungsgemäß entsorgt: 5 Minuspunkte
  • Sozialverhalten
    • Nachbarschaftshilfe: 5 Pluspunkte
    • Sich um die Eltern kümmern: 5 Pluspunkte
    • Engagement im Ortsverein der Kommunistischen Partei: 5 Pluspunkte
    • Öffentliche Straße gekehrt: 5 Pluspunkte
    • Bestechung: 50 Minuspunkte
    • Illegale religiöse Aktivitäten: 100 Minuspunkte

Und damit man auch weiß, wer sich gerade gut oder schlecht verhalten hat und Punkte zugeschrieben oder abgezogen bekommen muss, wird die Nachbarschaft in Zellen organisiert, die sich gegenseitig bespitzeln und denunzieren.

An Hauswänden hängen große Tafeln mit Fotos von Bewohnern die einen besonders guten Sozialkredit-Punktestand haben und denen deshalb Vorbildcharakter zugeschrieben wird.

Für China soll das System ein neuer Grundpfeiler für die moralische Ordnung der chinesischen Gesellschaft werden. Datenschutz spielt dort keine Rolle. Von 2020 an soll das Sozialkreditpunkte-System für alle, die einen chinesischen Pass besitzen, obligatorisch sein.

In Teilen der Bevölkerung ist das System sogar noch populär. Schließlich fördert es moralisches Verhalten und ein offizieller Buß- bzw. Bonus-Punktekatalog wirkt transparent und gerecht.

Neben dem gewünschten, erzwungenen Konformismus, könnte das System natürlich auch für Erpressungen und Übergriffe genutzt werden. Vielleicht werden dann jemandem 10 Pluspunkte für eine sexuelle „Gefälligkeit“ geboten, oder 50 Punkte Abzug angedroht, wenn man nicht spurt. Auch in einer Parteiorganisation, könnte sich das System für die prompte und elegante Entsorgung unliebsamer Konkurrenz oder aufmüpfiger Kader hervorragend eignen.

In der Praxis wird das aber selbstverständlich nicht vorkommen. Dazu sind China und seine Bürger viel zu perfekt.

Wobei … mit den 100 Punkten aus der Überschrift reicht es im chinesischen Sozialkreditscore genaugenommen nur für ein unteres D-Rating.

Und das kann nur eins bedeuten: regelmäßig das Fernglas zücken und China aus sicherer Entfernung überwachen.

Quellen und Artikel zum Thema:

Ein Kommentar

  1. Ich liebe Deinen schwarzen Humor
    100 Punkte dafür bei einem so ernsten Thema noch lachen zu können, auch wenn das Lachen im Hals stecken bleibt.

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