Alles gut in Deutschland, oder?

Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) ist eine internationale Organisation von 35 Mitgliedstaaten, die sich der Demokratie und Marktwirtschaft verpflichtet fühlen. Die meisten OECD-Mitglieder gehören zu den Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen und gelten als entwickelte Länder. Die OECD versteht sich heute als Forum, in dem Regierungen ihre Erfahrungen austauschen, Erfolgsmodelle identifizieren und Lösungen für gemeinsame Probleme erarbeiten.

2011 startete die OECD die „Initiative für besseres Leben“ (Better Life Initiative) in deren Rahmen die Lebensverhältnisse in den Mitgliedsländern untersucht werden und veröffentlicht alle 2 Jahre eine Auswertung dazu „Wie ist das Leben?“.

Der Bericht für 2017 wurde im November veröffentlicht. Ausgewertet wurden dabei insgesamt 50 verschiedene Indikatoren aus den 11 Wohlfahrtsdimensionen:

  • Einkommen und Vermögen
  • Arbeitsmarkt und Verdienst
  • Unterkunft
  • Work-Life Balance
  • Umweltqualität
  • Gesundheit
  • Erziehung und Kenntnisse
  • soziale Verbindungen
  • bürgerliches Engagement und Regierungsführung
  • Umweltqualität und
  • subjektives Wohlbefinden.

Im Vergleich zu anderen OECD-Ländern schneidet Deutschland in den meisten Wohlfahrtsdimensionen gut ab (vgl. Seite 31 der Studie).

Es wurde auch die Veränderung jeder der 11 Wohlfahrtsdimensionen in den letzten 10 Jahren beurteilt. In Hinblick auf alle materiellen Rahmenbedingungen hat sich Deutschland danach unter allen 38 teilnehmenden Ländern in den letzten 10 Jahren am besten entwickelt (vgl. Seite 39 der Studie).

Bei den Wohlfahrtsdimensionen Einkommen und Vermögen, Arbeitsmarkt und Verdienst, Unterkunft, Work-Life Balance, Gesundheit und auch beim subjektiven Wohlbefinden hat sich Deutschland in den letzten 10 Jahren verbessert. In allen anderen Wohlfahrtsdimensionen – bis auf eine – ist das Level stabil geblieben.

Die Wohlfahrtsdimensionen, die sich verschlechtert hatte, war das bürgerliche Engagement. Ausschlaggebend war dabei die Verringerung der Veränderung der Wahlbeteiligung von 2005 (77,7 %) zur Bundestagswahl 2013 (71,5 %). Die Bundestagswahl 2017 (76,2 %) floss nicht mehr in die Analyse ein. Auch mit den Daten von 2017 hätte sich also noch eine Verschlechterung zu 2005 ergeben, allerdings dann nur noch eine recht geringe.

Auch eine andere Studie weiß Positives zu berichten. Im Anholt-GfK Nation Brands Index untersucht das Marktforschungsinstituts GfK jedes Jahr wie 50 Länder weltweit wahrgenommen werden. Dabei wird das Image in den Kategorien Exporte, Regierung, Kultur, Bevölkerung, Tourismus und Immigration/Investition untersucht. In der letzten, am 16.11.2017 veröffentlichten Untersuchung belegt Deutschland den ersten Platz und ist damit das angesehenste / beliebteste Land.

Es ist also alles gut. Wenn nicht am besten.

Wobei es die Probleme ja immer spätestens im Detail gibt.

In Hinblick auf die Lebensqualität hat Deutschland in der OECD-Untersuchung zwar auch gut abgeschnitten, hat sich aber seit 2005 nicht mehr wirklich verbessert. In der Verbesserungsrangliste zur Lebensqualität ist Deutschland nur an der 27ten Stelle von 38 Staaten aufgeführt (vgl. Seite 44 der Studie).

Irgendwo hapert es offensichtlich.

Interessant scheint mir in diesem Zusammenhang die Antwort der Bundesregierung vom 21.09.2017 auf eine Kleine Anfrage der Partei DIE LINKE. Es ging dabei um Einkommen und Armut bzw. Armutsrisiko.

Nach EU-Definition gelten aufgrund Ihres Einkommen Personen mit einem Einkommen von

  • <= 70 % des Netto-Medians (mittlerer Lohn) als "armutsgefährdet in sozialen Risikosituationen"
  • <= 60 % des Netto-Medians als "armutsgefährdet"
  • <= 50 % des Netto-Medians als "relativ arm" und
  • <= 40 % des Netto-Medians als "arm"

Lt. Antwort der Bundesregierung (dort Seite 11) ist im Zeitraum von 2008 bis 2014 in allen diesen Bereichen der Anteil der betroffenen Menschen relativ kontinuierlich angestiegen:

  • armutsgefährdet in sozialen Risikosituationen: von 11,3 % (2008) auf 14,8 % (2014) = Steigerung um 31 %.
  • armutsgefährdet: von 6,4 % (2008) auf 8,9 % (2014) = Steigerung um 39 %.
  • relativ arm: von 3,1 % (2008) auf 4,8 % (2014) = Steigerung um 155 %.
  • arm: von 1,4 % (2008) auf 2,6 % (2014) = Steigerung um 185 %.

Eine Studie des DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) zur Entwicklung der Realeinkommen (erschienen im DIW Wochenbericht vom 24.05.2017) scheint mir in diesem Zusammenhang interessant.

Lange Zeit kamen danach in Deutschland nur die besser bezahlten Arbeitskräfte in den Genuss von Reallohnsteigerungen. Die abhängig Beschäftigten mit niedrigen Stundenentgelten mussten dagegen erhebliche Reallohnverluste hinnehmen. Seit Mitte der Neunziger Jahre sind die Stundenlöhne bei den 40 Prozent der Beschäftigten mit den geringsten Entgelten real gesunken.

Das DIW gibt (auf Seite 4 von 24 des Wochenberichts) für die 10% mit den niedrigsten durchschnittlichen Bruttolöhnen von 1995 bis 2015 einen Kaufkraftverlust von durchschnittlich 0,6 % pro Jahr an. Das hört sich vielleicht nicht völlig dramatisch an, summiert sich aber bis 2015 auf einen Kaufkraftverlust von 12%.

  • Kaufkraftveränderung der 10% mit den niedrigsten Bruttolöhnen (1. Dezil): – 12%
  • Kaufkraftveränderung der nächsten 10% (2. Dezil): – 8 %
  • Kaufkraftveränderung der nächsten 10% (3. Dezil): – 6 %
  • Kaufkraftveränderung der nächsten 10% (4. Dezil): – 4 %
  • Kaufkraftveränderung der nächsten 10% (5. Dezil): 0 %
  • Kaufkraftveränderung der nächsten 10% (6. Dezil): + 4 %
  • Kaufkraftveränderung der nächsten 10% (7. Dezil): + 8 %
  • Kaufkraftveränderung der nächsten 10% (8. Dezil): + 10 %
  • Kaufkraftveränderung der nächsten 10% (9. Dezil): + 10 %
  • Kaufkraftveränderung der obersten 10% (10. Dezil): + 8 %

Wer wenig verdient, kann auch wenig bis gar nichts zur Seite legen. Wenn ihm dann 12 % seines Verdiensts „abgenommen“ werden, wird aus der realen Kaufkraftminderung schnell sehr reale Not.

In den letzten Jahren waren die realen Lohnanstiege wieder relativ gleichmäßig unter den Beschäftigten verteilt. Niedrige Stundenverdienste hinken bei der Lohnentwicklung aktuell also nicht mehr hinterher. Damit ist das Problem noch nicht behoben. Es verschärft sich aber zumindest nicht noch weiter.

Wenn 40% der Arbeitnehmer in den letzten 20 Jahren Kaufkraftverluste hinnehmen mussten, darf es nicht wundern, wenn viele aufgrund der eigenen unmittelbaren Erfahrung die Entwicklung Deutschlands negativ einschätzen und damit unzufrieden sind.

Soziale Spreizung an sich ist meiner Einschätzung nach nicht direkt problematisch. Produktivitätszuwächse können durchaus unterschiedlich verteilt werden. Damit eine Gesellschaft langfristig nicht auseinanderfällt, ist es aber wichtig, dass jeder zumindest „etwas“ vom zu verteilenden Kuchen abbekommt. Fatal wird es, wenn denen, die ohnehin am wenigsten haben, am Ende sogar noch etwas abgenommen wird.

Quellen und Artikel zum Thema:

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