Bahnbrechendes Urteil für Akzeptanz und Lebensqualität Intersexueller

0,1 bis 0,2 Prozent der Bevölkerung werden weder ganz männlich noch ganz weiblich geboren.
Das betrifft in Deutschland damit ca. 160.000 Personen, also etwas mehr als etwa in Heidelberg (156.267 Einwohner), in Neuss (155.414 Einwohner), in Regensburg (145.465 Einwohner) oder in Würzburg (124.873 Einwohner) wohnen. Oder in Salzburg in Österreich (152.367 Einwohner) oder Lausanne in der Schweiz (137.810 Einwohner).

Es waren schon verschiedenste Namen dafür in Verwendung, z.B. Hermaphrodit, Zwitter oder Intersexueller.

In der Antike schaffte man Plastiken und Skulpturen von Hermaphroditen. Trotzdem hat man sie als schlechtes Omen teils ermordet, teils durch Operationen zu „heilen“ versucht (z.B. der Arzt Leonidas von Alexandria).

Was nicht passt, wird passend gemacht.

Weil es nur Männer und Frauen gibt, wurden mehrgeschlechtlich geborene Kinder nach subjektiver Einschätzung, welche Merkmale überwogen oder was man sich gerade mehr wünschte, als Mann oder Frau erzogen. Änderung vorbehalten. Wenn man unbedingt einen Sohn („und Erben“) haben wollte, und man das Kind deshalb als Sohn erzog, dann aber doch noch ein „richtiger“ Sohn geboren wurde, konnte es vorkommen, dass das Kind fortan als Mädchen erzogen wurde.

Was man von intersexuellen Menschen erwartete war unerfüllbar. Ihre menschliche Wahrheit blieb ein Geheimnis und ein Makel für die Familie. Intersexuelle galten als krank und missgebildet.

Einige Intersexuelle wurden als lebende Kuriosität auf Jahrmärkten und im Zirkus vorgeführt. Andere wurden (teils bereits in der Antike, aber stark vermehrt ab den 1960er Jahren) genital verstümmelt, um das Geschlecht „passend“ zu machen. Und wenn es beim ersten Versuch nicht so gut geklappt hat, kann man ja nochmal nachoperieren. Und nochmal. Und nochmal.

Ein Kleinkind kann sich schließlich nicht wehren.

„An intersexuellen Kindern wurden diese Operationen seit den 1960er Jahren vielfach ohne medizinische Indikation und ohne wirksames Einverständnis der Eltern schon im Kleinkindalter durchgeführt. Oft fand keine ausreichende ärztliche Aufklärung über die massiven Folgen durch die anschließende, meist kontra-chromosomale Hormonbehandlung statt, die unter anderem zur späteren Unfruchtbarkeit führte. (…) Bereits in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2012 hatte der Deutsche Ethikrat ausgeführt, dass chirurgische Eingriffe zur Herstellung einer bestimmten Geschlechtszugehörigkeit für viele Betroffene im Erwachsenenalter mit massiven körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen verbunden waren. Eine Leitlinie der Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin trägt dem Rechnung, indem sie operative Eingriffe bei Säuglingen inzwischen mit mehr Zurückhaltung beurteilt.“ (Quelle: Wikipedia)

Die im Zitat erwähnte Leitlinie wurde erst 2016 veröffentlicht und sollte zunächst Leitlinie „Störungen der Geschlechtsentwicklung“ heißen. Das zeigt die Geisteshaltung, die auch in der Gegenwart noch präsent ist und jenseits der unmittelbar Betroffenen und der (aufgeklärteren) Fachspezialisten immer noch weitgehend die gesellschaftliche Haltung bestimmt.

Nach Protest der Betroffenen wurde der Name in „Varianten der Geschlechtsentwicklung“ geändert.

In der aktuellen Fassung der Leitlinie (Version 1.0 vom Juli 2016) steht:

„Die Indikation zu operativen Eingriffen beim nicht –einwilligungsfähigen Kind soll immer restriktiv gestellt werden. Es gilt die in der Präambel formulierte Forderung der UN Kinderrechtskonvention und die Forderung des Deutschen Ethikrates sowie die gültige Rechtslage.

Die Sorgeberechtigten können nur für solche Eingriffe beim nicht einwilligungsfähigen Kind einwilligen, die einer medizinischen Indikation unterliegen und nachfolgenden Schaden vom Kind abwenden. Außer in Notfallsituationen ist die medizinische Indikation in einem Kompetenzzentrum nach adäquater Diagnostik zu stellen.“

Auch wenn es einen Exkurs darstellt, möchte ich hier in den Raum werfen, dass das gleiche eigentlich auch in Hinblick auf die Beschneidung von Mädchen und Jungen gelten müsste.

Die Beschneidung gehört trotzdem zu den weltweit am häufigsten durchgeführten körperlichen Eingriffen und wird meist aus religiösen und kulturellen Beweggründen durchgeführt, selten mit medizinischer Indikation. Auch eine Beschneidung ist letzlich eine Körperverletzung, der ein Kleinkind nicht zustimmen kann.

Dies ist auch in Deutschland unstrittig anerkannt. Trotzdem wurde die Beschneidung von Jungen am 12. Dezember 2012 (mit 434:100 Stimmen bei 46 Enthaltungen) durch das „Gesetz über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männlichen Kindes“ zugelassen.

Und das obwohl eine Beschneidung wegen der „körperlichen Veränderung, die nicht rückgängig gemacht werden kann, […] in den Kernbereich des Rechtes einer Person [fällt], über sich und ihr Leben zu bestimmen“. (OLG Frankfurt, Az. 4 W 12/07 vom 21. August 2007)

Auch hier wäre das Verfassungsgericht vielleicht nochmal gefragt.

In der Prämbel zur Leitlinie wird die Situation von Intersexellen wie folgt beschrieben:

Die psychische Entwicklung des Menschen hin zur Akzeptanz und positiven Bewertung der eigenen Person ist gewiss beschwerlich. In der Vergangenheit wurden diesem Prozess im Kontext medizinischer Therapiestrategien nicht immer der erforderliche Raum und die Bereitschaft zur Akzeptanz eingeräumt. Sind Varianten der Geschlechtsentwicklung keine Krankheit, kann man nicht über deren „Heilbarkeit“ nachdenken. Keine medizinische oder psychologische Intervention wird an dem Zustandder Uneindeutigkeit per se etwas ändern. Der Umgang mit Menschen mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung ist in der Regel ein gesellschaftspolitisches Problem und muss im gesamtgesellschaftlichen Rahmen bedacht werden.

Proteste von Betroffenen und dadurch ausgelöste Rechtsdiskurse bis auf UN-Ebene haben die allgemeine Rechtsauslegung seit 2008 geändert. Die Befassung des Deutschen Ethikrates und seine 200-seitige Stellungnahme mit ihren Empfehlungen haben ein Umdenken in Bezug auf die bisherigen Empfehlungen zum Umgang mit Menschen mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung in Gang gesetzt (www.ethikrat.org/intersexualitaet).

Basierend auf den Vorgaben der von Deutschland bereits 1995 ratifizierten UN-Kinderrechtskonvention wurde die völkerrechtlich bindende Wahrnehmung von Kindern als (Rechts)Subjekte zunehmend gestärkt und damit auch das Recht des Kindes auf Gehör seiner Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten.

Deutsche Interessensverbände (Kinderrechtsorganisationen, Verein Intersexuelle Menschen e.V.) sehen es daher als völkerrechtlich geboten, dass Kinder in Entscheidungsprozesse gemäß der Vorgaben aus Artikel 12 UN-Kinderrechtskonvention einzubeziehen sind. Das Kind als Subjekt steht darin an erster Stelle. Das Recht des Kindes als Individuum wird gegenüber dem Elternrecht gestärkt.

Die UN-Kinderrechtskonvention hebt hervor, dass für Eltern das Wohl des Kindes Grundanliegen für deren Erziehung sein soll (Artikel 18 UN-KRK). Eine Entscheidung im Sinne des Kindeswohl ist nur sachgemäß möglich, wenn dem Kind selbst Gehör geschenkt wird. Daher kann bei Therapieentscheidungen mit fehlender medizinischer Notwendigkeit eine elterliche Zustimmung das Einverständnis des Kindes nicht ersetzen (siehe auch §1631c BGB). Weder Eltern noch Ärzte können die geschlechtliche Entwicklung eines Kindes vorhersehen und damit ist jede Entscheidung „für“ das Kind quasi hinfällig, wenn das Wohl des Kindes ernst genommen wird.

Während man in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts davon ausgegangen war, einem Kind die bestmögliche Entwicklung zu ermöglichen, indem man das für das Kind augenscheinlich günstigste Geschlecht festlegte und den Körper, soweit möglich, in diesem Sinne medizinisch anpasste, sowie das Kind eindeutig einem Erziehungsgeschlecht zuwies (optimal gender policy), ist man in den letzten Jahren dazu übergegangen, das Kind in Entscheidungsprozesse altersentsprechend möglichst früh miteinzubeziehen, d.h. es auch adäquat an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Bei Volljährigkeit des Kindes spricht man von full consent policy. Geschlecht wird dabei weder hinsichtlich der körperlichen Ausprägungsformen noch hinsichtlich Geschlechtsidentität und Geschlechtsrolle weiterhin als ein binäres Konzept verstanden. Varianten der körperlichen Entwicklung und eine Vielfalt von Geschlechtsidentitäten und Rollenverhalten sollten möglich sein. Ziel ist es dabei, eine bestmögliche Lebensqualität zu erreichen und nicht ein eindeutiges männliches oder weibliches Geschlecht.“

Durch diese noch sehr frische Änderung werden intersexuelle Kindern in Deutschland nun vor Genitalverstümmelung geschützt, denen Sie noch vor einem Jahrzehnt regelmäßig unterzogen wurden, wenn sie mit Ihren äußeren Sexualmerkmalen nicht in eine der beiden vorgesehenen Schublade passten.

Das Verfassungsgericht hat am Mittwoch (dem 08.11.2017) aufgrund der Beschwerde eines Betroffenen entschieden, dass im Geburtenregister neben den Optionen „männlich“ und „weiblich“ eine dritte Option eingeführt werden muss, um die Persönlichkeitsrechte Betroffener entsprechend den Anforderungen des Grundgesetzes zu schützen.

Durch diese Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wird nun auch etwas für die Seele der Menschen getan, die mit uneindeutigen Sexualmerkmalen geboren wurden.

Durch Schaffung einer neue Kategorie wird auch der gesellschaftliche Bezugsrahmen erweitert und Menschen ein Weg ins „Normalsein“ ermöglicht, der ihnen bisher verbaut war, obwohl niemand etwas davon von der entsprechenden Mauer hatte. Durch das Einführung einer Kategorie „inter“ oder „divers“ wird schließlich niemand weniger weiblich oder weniger männlich. Betroffenen hilft die neue Normalität aber, ein bestmögliche Lebensqualität zu erreichen.

Intersexuelle sind Menschen, die es schwer haben und es bis vor kurzen noch sehr viel schwerer hatten. Die nicht dazugehörten, weil sie in keine Schublade passen und die sich gegen Widerstände mühsam selbst finden und behaupten müssen. Diesen Menschen wurde nun etwas von ihrer Würde zurückgegeben.

Wer sich auch nur ein wenig darum bemüht, sich in die Lage intersexueller Menschen einzufühlen, kann eigentlich gar nicht anders, als sich für sie zu freuen.

Quellen und Artikel zum Thema:

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