Der Beweis des Bösen. Und seine Widerlegung.

Des Völkermords schuldig macht sich, wer in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu vernichten, eine der folgenden Handlungen begeht:

  • das Töten von Angehörigen der Gruppe
  • das Zufügen von ernsthaften körperlichen oder geistigen Schäden bei Angehörigen der Gruppe
  • die absichtliche Auferlegung von Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen
  • die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung (z.B. Zwangssterilisationen)
  • die gewaltsame Verbringung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe (z.B. Zwangsadoptionen)

Dabei ist zu beachten, dass nur die Absicht zur Vernichtung der Gruppe erforderlich ist, nicht aber auch ihre effektive Vernichtung.

Ratko Mladić, der wegen Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und zahlreicher Kriegsverbrechen angeklagt war, wurde am 22.11.2017 nach einem viereinhalbjährigen Prozess mit 530 Verhandlungstagen, der Anhörung von fast 600 Zeugen und der Begutachtung von rund 10.000 Beweisstücken in zehn der elf Anklagepunkte für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verteilt.

Einige der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen aus der (englischsprachigen) Zusammenfassung des Urteils:

Am oder um den 31. Mai 1992 versammelten bosnisch-serbische Truppen eine Gruppe bosnisch-muslimischer Männer in der Nähe der Vrhpolje-Brücke in der Gemeinde Sanski Most. Vier von ihnen wurden auf dem Weg zur Brücke getötet. An der Brücke angekommen, wurden die bosnischen Muslime gezwungen, einer nach dem anderen in den Fluss zu springen. Einmal im Wasser, eröffneten bosnisch-serbische Streitkräfte das Feuer und töteten mindestens 28 der bosnischen Muslime, alle männlich, einschließlich eines minderjährigen und zwei älterer Männer. Ein Mann überlebte.

Im Juli 1992 erstickten 24 bosnische muslimische Häftlinge, als sie aus dem Gefangenenlager Betornika nach Manjač in ein Lager gebracht wurden. Die Wachen von Betornika beschlagnahmten Wasserflaschen und zwangen einige Häftlinge, vor der neunstündigen Reise Salz zu konsumieren. Die Lastwagen waren heiß, verkrampft, mit Planen bedeckt, und die Häftlinge erhielten kein Wasser. In einem Versuch zu überleben, tranken einige von ihnen ihren eigenen Urin und machten Löcher in die Planen, um Luft zu bekommen, aber stoppten dies, als die Polizisten, die die Männer eskortierten, sie bedrohten. Als sie in Manjač ein Lager erreichten, wurden diejenigen, die als nicht gesund eingestuft wurden, wieder auf den Lastwagen gesetzt. Božidar Popović, der Lagerkommandant, sagte „Nehmt die Scheiße zurück. Ich brauche keine toten Menschen.“

Am oder um den 25. Juli 1992 richteten Polizei und Mitglieder der VRS ein Maschinengewehr auf den Eingang von Raum 3 im Lager Keraterm, wo eine große Anzahl von Häftlingen festgehalten wurde. Während der Nacht wurde irgendeine Form chemischen Gases in den Raum geworfen, was unter den Häftlingen Panik verursachte. Einige von ihnen versuchten, den Raum zu verlassen. Scheinwerfer wurden auf den Raum gerichtet und die Soldaten und Wachen schossen mit automatischen Waffen auf die herausrennen Häftlinge und töteten viele von ihnen. Sie fuhren dann fort, auf Häftlinge innerhalb des Raumes zu schießen, einschließlich einigen, die versuchten, sich zu verstecken. Die Soldaten und Wachen töteten in dieser Nacht zwischen 190 und 220 Häftlinge.

In einem Haus in der Gemeinde Foč, dass unter dem Namen Karaman’s House bekannt ist, wurden, mehrere Gruppen von Frauen und Mädchen, einige davon erst 12 Jahre alt, routinemäßig und brutal vergewaltigt. Die Opfer wurden manchmal einzelnen Soldaten zugeteilt, und andere Male wurden sie gezwungen, Sex mit mehreren Männern zu haben. Eine Zeugin sagte aus, dass ein Soldat sie zu einer Feier gebracht habe, wo sie von dem Angeklagten angesprochen wurden, der den Soldaten fragte, ob die Zeugin seine „Herzegowinische Frau“ sei, bevor er sich direkt an die Zeugen wandte und sie fragte, ob es ihr „besser als in Alijas Staat“ ergehe.

Ratko Mladić wurden auch zwei Fälle von Völkermord vorgeworfen.

In einem Fall wurde er freigesprochen – nicht weil es Zweifel an den Taten gab, sondern weil man meinte, dass die Zahl der Opfer noch nicht den sicheren Schluss zuließe, dass ohne jeden Zweifel die Absicht eines Völkermords bestand:

„Die Kammer prüfte dann die konkrete Absicht der physischen Täter. Die Kammer befand mehrheitlich, Richter Orie, abweichend, dass die physischen Täter in Sanski Most, Vlasenica und Foča, und bestimmte Täter in Kotor Varoš und Prijedor beabsichtigten, die bosnischen Muslime in diesen Gemeinden als Teil einer geschützten Gruppe zu zerstören. Die Kammer prüfte dann, ob der anvisierte Teil einen wesentlichen Teil der geschützten Gruppe ausmachte, und kam zu dem Schluss, dass die in jeder Gemeinde anvisierten bosnischen Muslime einen relativ kleinen Teil der geschützten Gruppe ausmachten und auch in anderer Hinsicht keinen wesentlichen Teil ausmachten. Folglich war die Kammer nicht davon überzeugt, dass die einzig vernünftige Folgerung darin bestand, dass die physischen Täter die erforderliche Absicht besaßen, einen wesentlichen Teil der geschützten Gruppe bosnischer Muslime zu zerstören.“

Des Völkermords schuldig gesprochen wurde Mladić dagegen wegen des Massakers von Srebrenica.

Zum Hintergrund:

Im Bosnienkrieg wurde Srebrenica, das nahe an der Grenze zu Serbien liegt und zu Dreivierteln von Bosniern bewohnt war, zunächst im Frühjahr 1992 von bosnisch-serbischem Militär besetzt. Anfang Mai 1992 eroberten bosnische Militäreinheiten unter der Führung von Naser Orić die Stadt Anfang zurück. Die umliegenden Gebiete blieben in der Hand der bosnischen Serben, die Srebrenica erneut belagerten.

Die bosnischen Einheiten starteten aus der Stadt heraus Gegenoffensiven und Überfälle auf umliegende serbische Dörfer, die als Stützpunkte der Belagerer dienten. Die Truppen unter Naser Orić werden dabei für Kriegsgräuel gegen bosnische Serben verantwortlich gemacht. Die Dokumentation des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation (NIOD) geht von mindestens 1000 serbischen Zivilisten aus.

Im Frühjahr 1993 reorganisierte sich das bosnisch-serbische Militär unter Ratko Mladić. Sine erfolgreichen Offensiven reduzierten den Einflussbereich der Bosnier bis März 1993 von 900 Quadratkilometern auf ca. 150 Quadratkilometer. Diese Erfolge sind der Grund warum Mladić dem überwiegenden Teil der Bevölkerung in Serbien auch heute noch als Kriegsheld gilt.

Bosnier aus der Region um Srebrenica flüchteten vor den Kampfhandlungen in die Stadt, deren Einwohnerzahl dadurch auf 50.000 bis 60.000 anstieg – 1991 hatte dies Zahl noch bei ca. 6.000 gelegen. Als die Versorgung der Eingeschlossenen kritisch wurde, wurde Srebrenica unter den Schutz der Vereinten Nationen gestellt; die UNO versprach Srebrenica und seine Einwohner nicht im Stich lassen. Einige tausend Bosnier wurde evakuiert – wogegen die bosnische Regierung protestierte, weil damit ethnische Säuberungen begünstigt werden würden.

Am 13. April 1993 teilten die bosnisch-serbischen Militärs Vertretern des UNHCR mit, sie würden Srebrenica angreifen, falls sich die Bosnier nicht innerhalb von zwei Tagen ergeben würden. Als Reaktion proklamierte der UN Sicherheitsrat am 16. April 1993 eine Schutzzone. Es wurden UNPROFOR-Soldaten entsandt, deren nur leichte Bewaffnung sich an klassischen friedenserhaltenden Missionen orientierte, nicht an Einsätzen, die den Frieden auch gegen eine Partei erzwingen.

Am 14. Juni 1993 forderte UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali 34.000 UNO-Soldaten für die Sicherung der Schutzzonen. Der Sicherheitsrat bewilligte vier Tage später allerdings nur eine Erweiterung der Truppen um 7600 Mann. Trotzdem reduzierte sich die Zahl der Schutztruppen. Wenn Angehörige der UNPROFOR die Schutzzone verließen, um Material- und Lebensmittelnachschub für ihre Truppe zu organisieren, wurde ihnen anschließend systematisch die Rückkehr durch bosnisch-serbische Einheiten verweigert. Die Zahl der niederländischen Blauhelme in der Schutzzone sank dadurch von anfänglich 600 auf noch gut 400 Soldaten.

Im Juli 1995 marschierten die bosnisch-serbische Armee und Paramilitärs in die Schutzzone ein. Der Kommandant der Blauhelme, Thomas Karremans, forderte mehrfach NATO-Luftunterstützung an. Umfassende Luftunterstützung blieb jedoch aus. Zwei niederländische Flugzeuge der NATO bombardierten einen Panzer der bosnischen Serben und setzten diesen außer Gefecht. Sofort darauf drohten die bosnischen Serben, bei Fortsetzung von NATO-Luftangriffen würden sie die UNPROFOR-Soldaten, die sie bereits als Geiseln interniert hatten, ermorden. Ferner würden sie die zusammengedrängten Flüchtlingsmassen gezielt unter Beschuss nehmen. Daraufhin wurden alle Bemühungen eingestellt, die eindringenden bosnisch-serbischen Truppen durch Luftangriffe zu stoppen.

Tausende der bosnischen Einwohner flohen nach Potočari, einen nördlichen Nachbarort, um dort auf dem Gelände der Blauhelme Schutz zu suchen.

Zu den Nachfolgenden Ereignissen aus der Zusammenfassung des Urteils:

„Bis zum 12. Juli 1995 hatten sich zwischen 25.000 und 30.000 bosnisch-muslimische Zivilisten bei Potočari versammelt, von denen fünf Prozent wehrfähige Männer waren. Die Bedingungen in und um das UNPROFOR-Gelände waren entsetzlich: Nahrung und Wasser waren knapp, und es gab einen Mangel an medizinischen Hilfsgütern. Die Menschen waren erschöpft und verängstigt. Die serbischen Truppen schufen eine erschreckende Atmosphäre, indem sie in der Nähe des Geländes Granaten schossen und Menschen mitnahmen, von denen einige nie zurückkehrten.

Vom 11. bis 12. Juli 1995 fanden im Hotel Fontana in Bratunac drei Treffen zwischen der Armee der Republika Srpska (Vojska Republike Srpske, VRS), UNPROFOR DutchBat-Offizieren und Personen statt, die ausgewählt wurden, um die bosnischen Muslime zu vertreten, um über die so genannte Evakuierung der Zivilbevölkerung aus Potočari zu diskutieren. Diskutiert wurde auch das Screening von Männern im Alter zwischen 16 und 60 Jahren auf Kriegsverbrechen durch die VRS. Am 17. Juli 1995 wurde ein Dokument unterzeichnet, das besagte, dass die Zivilisten von den Polizeikräften der VRS und der Bosnisch-Serbischen Republik unter Aufsicht und Eskorte der UNPROFOR in die Gemeinde Kladanj evakuiert werden sollten.

Vom 12. bis 14. Juli 1995 organisierten die VRS und das Innenministerium, bekannt als MUP, den Transport von ca. 25.000 bosnischen Muslimen, vor allem Frauen, Kindern und älteren Menschen, aus der Enklave Srebrenica in Gebiete unter der Kontrolle der Armee von Bosnien-Herzegowina, in Konvois von Bussen und Lastwagen. Bosnisch-serbische Soldaten trennten systematisch bosnisch-muslimische Männer im militärfähigen Alter, die versuchten, an Bord zu kommen. Einige der abgesonderten Jungen waren erst 12 Jahre alt und einige Männer älter als 60 Jahre. Die Trennungen waren häufig aggressiv. Den Evakuierten wurde gesagt, dass die bosnisch-muslimischen Männer später folgen würden. Sie folgten nie.

Die bosnisch-muslimischen Männer von Potočari wurden in provisorischen Haftanstalten festgehalten und später, zusammen mit anderen, die aus der zu Fuß fliehenden Kolonne gefangen genommen wurden, zu verschiedenen Hinrichtungsstätten in den Gemeinden Srebrenica, Bratunac und Zvornik gebracht. Die Kammer stellte fest, dass viele dieser Männer und Jungen verflucht, beleidigt, bedroht wurden, dass sie gezwungen wurden, serbische Lieder zu singen und geschlagen wurden, während sie auf ihre Hinrichtung warteten. Die bosnisch-serbischen Streitkräfte, in erster Linie Mitglieder der VRS, ermordeten systematisch mehrere tausend bosnisch-muslimische Männer und Jungen, die überwiegende Mehrheit in nur wenigen Tagen vom 12. bis 17. Juli 1995.

Das Gericht wird nun einige konkrete Beispiele erläutern. Am 13. und 14. Juli 1995 wurden im Lager Kravica etwa 1.000 unbewaffnete bosnisch-muslimische Männer, darunter Kinder und ältere Menschen, hingerichtet. Am 16. Juli 1995 wurden zwischen 1.000 und 1.200 bosnisch-muslimische Zivilisten auf der Militärfarm Branjevo kurzerhand hingerichtet. Vor der Hinrichtung hatten einige von ihnen die Hände gefesselt, waren mit verbundenen Augen und gezwungen, „auf muslimische Weise zu beten“. Am selben Tag wurden im Kulturzentrum Pilica etwa 500 bosnisch-muslimische Männer und zwei Frauen hingerichtet.“

Die Verbrechen, Vergewaltigungen, Morde und der Völkermord erfolgten nicht spontan, sondern waren systematisch geplant.

Das besondere Böse ist nicht nur das Ausmaß und die Schwere der Tat, sondern auch der tiefe Hass, die Menschenverachtung und die kühle Berechnung, ohne die solche Verbrechen nicht möglich wären.

Es ist schlicht unvorstellbar wieviel menschliches Leid hier ganz bewusst und mit kühlem Kopf bewusst für eine „höhere Sache“ verursacht wurde. Wenn ich daran denke, werde ich werde tieftraurig, weil Menschen so leiden mussten und andere Menschen so niederträchtig so viel Leid verursacht haben.

Der wirkliche Beweis des Bösen ist dabei nicht, dass es Völkermord gibt, sondern, dass er historisch betrachtet etwas geradezu Gewöhnliches ist.

Das Verbrechen ist so alt wie die Menschheit.

Schon die Bibel schildert mehrere Völkermorde – im Auftrag Gottes.

Völkermord an den Midianitern. 4. Buch Mose (Numeri), Kapitel 31:

(…) Und JHWH redete zu Mose und sprach: Übe Rache für die Kinder Israel an den Midianiter; danach sollst du zu deinen Völkern versammelt werden. Und Mose redete zu dem Volke und sprach: Rüstet von euch Männer zum Heere aus, dass sie wider Midian ziehen, um die Rache JHWHs an Midian auszuführen. (…) Und sie stritten wider Midian, so wie JHWH dem Mose geboten hatte, und töteten die Könige von Midian, samt ihren Erschlagenen: (…) Und die Kinder Israel führten die Weiber und die Kinder gefangen hinweg, und erbeuteten all ihr Vieh und alle ihre Herden und alle ihre Habe; und alle ihre Städte in ihren Wohnsitzen und alle ihre Gehöfte verbrannten sie mit Feuer. Und sie nahmen alle Beute und allen Raub und die Beute zu Mose und zu Eleasar, dem Priester, und zu der Gemeinde der Kinder Israel ins Lager, in die Ebenen Moabs, die am Jordan von Jericho sind.
Und Mose und Eleasar, der Priester, und alle Fürsten der Gemeinde gingen ihnen entgegen außerhalb des Lagers.

Und Mose wurde zornig über die Vorgesetzten des Heeres, die Obersten über tausend und die Obersten über hundert, die von dem Kriegszuge kamen; und Mose sprach zu ihnen: Habt ihr alle Weiber am Leben gelassen? (…) So tötet nun alles Männliche unter den Kindern, und tötet alle Weiber, die einen Mann im Beischlaf erkannt haben; aber alle Kinder, alle Mädchen, welche den Beischlaf eines Mannes nicht gekannt, lasst euch am Leben. (…) Und das Erbeutete, was von der Beute übrigblieb, welche das Kriegsvolk gemacht hatte, war: 675.000 Stück Kleinvieh, und 72.000 Rinder, und 61.000 Esel; und was die Menschenseelen betrifft, so waren der Mädchen, welche den Beischlaf eines Mannes nicht gekannt hatten, insgesamt 32.000 Seelen. (…) Und es traten zu Mose die Vorgesetzten über tausend und die Obersten über hundert, und sprachen zu Mose: Deine Knechte haben die Summe der Kriegsleute aufgenommen, die unter unserer Hand waren, und es fehlt von uns nicht EIN Mann. (…)

Völkermord an den Amalekitern. 1. Buch Samuel, Kapitel 27:

(…) Und David zog mit seinen Männern hinauf und sie fielen ein bei den Gasuritern und den Girsitern und den Amalekitern; denn diese waren die Bewohner des Landes von alters her, bis nach Sur hin und bis zum Lande Ägypten. Und David schlug das Land und ließ weder Mann noch Weib am Leben; und er nahm Kleinvieh und Rinder und Esel und Kamele und Kleider, und kehrte zurück und kam zu Achis. Und sprach Achis: Habt ihr heute keinen Einfall gemacht? so sprach David: In den Süden von Juda, oder: in den Süden der Keniter. Und David ließ weder Mann noch Weib am Leben, um sie nach Gath zu bringen, indem er sagte: dass sie nicht über uns berichten und sprechen: So hat David getan. Und so war seine Weise alle die Tage, die er im Gefilde der Philister wohnte. (…)

Auch die Römer übten sich im Völkermord, zum Beispiel mit der Vernichtung Karthagos.

Oder der große römische Held Julius Cäsar. Im vierten Buch des „Gallischen Kriegs“ beschreibt er detailliert das gewaltsame Vorgehen seiner Truppen gegen die Tenkterer und Usipeter.

Kurz zuvor hatten die beiden germanischen Stämme eigenmächtig den Rhein überquert und Cäsar um Schutz und die Siedlungserlaubnis im Flussdelta gebeten – ein für die Antike nicht unübliches Gesuch um „asylum“.

Ihr Aufenthalt in der römischen Provinz führte allerdings schnell zu kleineren Konflikten mit den dort lebenden Galliern und Römern, ein Umstand, für den Cäsar die „germanische Natur“ verantwortlich machte. Die Römer lehnten das Ersuchen daher ab, und Cäsar ließ seine geballte militärische Schlagkraft von acht Legionen auf das Lager der Germanen los.

Während der folgenden Schlacht flohen vor allem Frauen und Kinder vor den römischen Truppen, bald aber auch die hoffnungslos unterlegenen Krieger. An der Mündung von Maas und Waal wurden sie schließlich eingekesselt. Nach Cäsars eigenen Angaben kamen dabei 430.000 Menschen ums Leben, wobei die Römer keinen einzigen Toten zu beklagen gehabt hätten (moderne Schätzungen gehen von bis zu 200.000 Opfern aus).

Moralische Zweifel an seinem Vorgehen finden sich in Cäsars Kommentar nicht. In Rom selbst war man empört. Cato, einer der führender Politiker Roms aus dieser Zeit, verlangte Cäsar an die Germanen auszuliefern und konnte die Einsetzung einer Untersuchungskommission durchsetzen.

Cäsar legte dann den Grundstein für das Römische Kaiserreich, das Augustus aufbaute. Cäsars Name ist heute die Bezeichnung für den höchsten Monarchen überhaupt: den Kaiser oder den Zar. Von den Helden der Antike kann da nur jemand vom Format eines Alexander des Großen mithalten.

Auch Deutschland hatte in jüngerer Vergangenheit mehrere Völkermorde zu verantworten: an den Nama und Herero in Namibia, an den Juden, an Sinti und Roma. Die Morde an Homosexuellen oder Kommunisten sind nicht weniger abscheulich, aber erfüllen nicht die Definition Völkermord, weil es sich nicht um eine national, ethnisch, rassisch oder religiös definierte Gruppe handelt.

Und Deutschland ist nicht allein.

England verübte Völkermord bei seiner Eroberung Irlands, an den Aborigines in Australien und an den Buren in Südafrika. Die USA verübten Völkermord an den nordamerikanischen Indianern, Spanien an denen Süd- und Mittelamerikas, Portugal in Brasilien. Die Franzosen begingen Völkermord in Indochina, die Türken an den Armeniern, die Japaner in China, die Hutu in Ruanda begingen Völkermord an den dort lebenden Tutsi. Die Burmesen in Myanmar begehen gerade Völkermord an den Rohingya.

Saudi-Arabien begeht gerade Völkermord an den Schiiten im Jemen, ohne dass es allzu viel Aufmerksamkeit erregt. Es blockiert humanitäre Hilfslieferung an die jemenitische Bevölkerung und legt seinen schiitischen Gegnern (religiöse Gruppe) damit absichtlich Lebensbedingungen auf, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen

Eine Fortsetzung des Bösen ist, dass Ratko Mladić in Serbien für seine Heldentaten bewundert und verehrt wird.

Oder dass wir heute noch Cäsar bewundern und verehren.

Oder dass wir jährlich in Aachen den Karlspreis für Verdienste um Europa und die europäische Einigung verleihen, im Namen eines Mannes, Karl des Großen, von dem sich (analog wie Kaiser oder Zar bei Cäsar) das slawische Wort für König ableitet („korol“ im Russischen, „król“ im Polnischen, „král“ im Tschechischen, „kralj“ im Serbischen, Kroatischen und Slowenischen) und der in 32 Jahren Sachsenkriegen die Unterwerfung und die Christianisierung der Sachsen erzwang.

Aus den Regelungen des Sondergesetzes Karls des Großen für die eroberten sächsischen Gebiete (Capitulatio de partibus Saxoniae):

  • Todesstrafe erleidet der, der nach heidnischem Brauch Leichen bestattet, indem er den Körper den Flammen preisgibt.
  • Sterben soll, wer Heide bleiben will und unter den Sachsen sich verbirgt, um nicht getauft zu werden oder es verschmäht, zur Taufe zu gehen.
  • Sterben soll, wer einen Menschen dem Teufel opfert und nach heidnischer Sitte den Götzen als Opfer darbringt.

Eindeutiger kann man seinen Willen zur Vernichtung einer religiösen Gruppe (der Heiden) kaum bekunden. Und da das auch intensiv umgesetzt wurde, handelt es sich um Völkermord.

Adolf Hitler fand Karl den Großen übrigens ganz toll. Bei einem seiner Tischgespräche im Führerhauptquartier am 4. Februar 1942 als „einen der größten Menschen der Weltgeschichte“ gerühmt haben, weil er es fertiggebracht habe, „die deutschen Querschädel zueinander zu bringen“. Am 31. März 1942 führte Hitler aus, dass er den Chef-Ideologen der NSDAP Alfred Rosenberg davor gewarnt habe, „einen Heroen wie Karl den Großen als Karl den Sachsenschlächter zu bezeichnen“.

Böse ist auch, wenn man das Böse verharmlost oder es gar verherrlicht und ihm dadurch aufs Neue den Weg ebnet.

Böse ist, wenn man in einem Deutschland, dass sich mit dem Bösen seiner Vergangenheit offenen Auges auseinandersetzt, eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ fordert. (Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag)

Böse ist, wenn man die Erinnerung an das Böse und das damit verbundene Eintreten für das Gute als „dämliche Bewältigungspolitik“ und „Denkmal der Schande“ darstellt. (Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag)

Böse ist eine biologistisch-rassistische Argumentation, wie Björn Höcke, der AfD-Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag, sie verwendete, als er sagte, dass die Evolution Afrikanern und Europäern, „vereinfacht gesagt“ und „phylogenetisch“ begründet, „zwei unterschiedliche Fortpflanzungsstrategien beschert“ habe, wobei Afrikaner überwiegend der sog. r-Strategie folgen würden, während Europäer meist k-Strategen seien. Er sprach vom „lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp“, der auf den „europäischen Platzhaltertyp“ treffe und so eine geschlossene deutsche Grenze notwendig mache.

Typische Eigenschaften von r-Strategen (orientiert sich an der Wachstumsrate r einer Population) sind dabei:

  • Rasche Individualentwicklung und geringe Körpergröße
  • Kurze Lebensspanne mit hoher Vermehrungsrate
  • Früher Fortpflanzungsbeginn, kurze Geburtenabstände, hohe Wurfgröße
  • Geringe elterliche Fürsorge
  • Kleines (leistungsschwächeres) Gehirn

Typische Eigenschaften von k-Strategen (orientiert an der Kapazitätsgrenze K des Lebensraumes):

  • Langsame Individualentwicklung und hohe Körpergröße
  • Lange Lebensspanne mit geringer Vermehrungsrate
  • Später Fortpflanzungsbeginn, lange Geburtenabstände, geringe Wurfgröße
  • Ausgeprägte elterliche Brutpflege
  • Großes (leistungsstärkeres) Gehirn

Böse ist, wenn man propagiert, dass Deutschland sei durch den „Import fremder Völkerschaften“ bedroht sei. (natürlich: Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag)

Nach so viel Böse, wird es langsam Zeit für die Widerlegung des Bösen. Die geschieht eigentlich jeden Tag im Kleinen und Kleinsten, wo sich Menschen begegnen, sich achten und respektieren, sich helfen und einander lieben.

Aber eine der eindrucksvollsten Widerlegungen des Bösen ist die Tat von Nicholas Winton, der unmittelbar vor Ausbruch des 2. Weltkriegs 669 meist jüdische Kinder aus der Tschechei gerettet hat.

Es gelang Nicholas Winton die Kinder mit Hilfe eines Prager Gewährsmanns, durch Finden von Adoptiveltern, durch Spendensammeln für Visa, Kautionen und Reisekosten, durch Bestechung und durch Fälschung von Reisedokumenten nach England zu holen.

Winton selbst hat später über seinen Beitrag nicht gesprochen. Erst 1988 fand seine Ehefrau in einem Koffer auf dem Speicher des Wohnhauses Unterlagen zu der Rettungsaktion und machte die Vorgänge öffentlich bekannt. Winton wurde 1988 wurde er von der BBC in eine Sendung eingeladen in deren Verlauf die Moderatorin fragte, ob es jemanden im Saal gäbe, der Nicholas Winton sein Leben verdanke. Und es stand tatsächlich jemand auf.

Kurzer Clip dazu (1 min, 39 Sekunden):

Mit den Nachkommen gibt es heute 5.700 Menschen, die ohne Nicholas Winton nicht am Leben wären.

Eine etwas längere Dokumentation (15 min) dazu auf Englisch:

Quellen und Artikel zum Thema:

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