Der letzte Endling ist die Hoffnung: über den Tasmanischen Tiger, den Menschen – und Klingonen.

Wer noch keinen Tasmanischen Tiger gesehen hat, kann das jederzeit nachholen. Es reicht eine kurze YouTube Suche. Leider muss Abstriche bei der Bildqualität machen: es gibt nämlich nur Schwarz-Weiß Aufnahmen. Der letzte Tasmanische Tiger, vermutlich ein Weibchen, das man allerdings auf den Namen „Benjamin“ getauft hatte, starb 1936 im Zoo von Hobart auf Tasmanien.

Der Tasmanische Tiger ist bzw. war ein Beuteltier und wird auch Tasmanischer Wolf oder Beutelwolf genannt. Optisch ist er von einem Wolf kaum zu unterscheiden – wenn man von den schwarzen Streifen auf seinem Rücken absieht, die ihm seinen Tigernamen eingebracht haben.

Ursprüngliche lebte er nicht etwa nur in Tasmanien, sondern in weiten Teilen Australiens und Neuguineas. Der jüngste Fossilfund vom australischen Festland wurde auf das Jahr 3.000 vor Christi Geburt datiert. Der Mensch (die Vorfahren der heutigen Aborigines und der Papua-Völker) kam vor etwa 50.000 bis 60.000 Jahren in dem Gebiet an. Wenn der Mensch das Aussterben des „Tigers“ in Australien verursacht hat, dann also jedenfalls nicht innerhalb weniger hundert Jahre nach seinem Auftreten.

Als Hauptverdächtiger für das Aussterben in Australien gilt der Dingo, der vor ca. 5.500 Jahren in Neuguinea und vor ca. 5000 Jahren in Australien ankam. Der Dingo ist ein verwilderter Haushund – und wurde vermutlich als lebender Proviant auf den auf Booten austronesischer Seefahrer (also von Seefahrern aus Indonesien, Mikronesien oder Polynesien) mitgeführt. Ein paar der Snacks entkamen wohl und bald darauf starben der „Australische Tiger“ und auch der „Australische Teufel“ aus. Der Neuankömmling hat mutmaßlich eine ähnliche ökologische Nische besetzt und den „Australischen Tiger“ schließlich verdrängt.

In Tasmanien gibt es keine Dingos. Dort gibt es noch Tasmanische Teufel und dort gab es lange Zeit noch Tasmanische Tiger.

Die erste permanente Siedlung auf Tasmanien, eine Strafkolonie, wurde von den Briten 1803 errichtet. Damals hieß Tasmanien noch Van Diemen Land. Der Entdecker, der niederländische Seemann Abel Tasman, hatte die Insel nämlich nach dem Generalgouverneur von Niederländisch-Indien Antonio van Diemen benannt. 1825 wurde von einer Gruppe Londoner Kaufleuten die Van Diemen Land Gesellschaft gegründet und mit einem Gebiet von 1.000 Quadratkilometern ausgestattet. Man wollte dort Wolle für die britischen Textilindustrie produzieren. Und für Wolle braucht man Schafe.

Und so fiel der Tasmanische Tiger der Schafzucht zum Opfer. Denn Schafe fressen zwar keine Tasmanischen Tiger, aber Menschen mögen es nicht, wenn Ihre Schafe von Tasmanischen Tigern gefressen werden.

Bereits 1830 lobte die Van Diemen Land Gesellschaft die ersten Kopfgelder auf Tasmanische Tiger aus. 1888 setzte dann schließlich sogar die tasmanische Regierung offizielle Kopfgelder fest. Für den Kopf eines Tasmanischen Tigers gab es damals 1 Pfund. Nach heutiger Kaufkraft entspricht das etwa 125 Euro.

Der Tasmanische Tiger wurde relativ schnell vom bekämpften Schädling zur seltenen und begehrten Jagdtrophäe. Ab 1901 gab es erste Bemühungen zum Schutz der Tiere. Als die tasmanische Regierung die Tiere im Juni 1936 unter Artenschutz stellte, war es bereits zu spät.

Das letzte Tier einer Art wird Endling genannt. Der Endling des Tasmanischen Tigers war die bereits erwähnte „Benjamin“, die 1933 im sogenannten Florentiner Tal (Florentine Valley) gefangen wurde. Sie starb 3 Jahre am 7 September 1936 später im Zoo von Hobbart, nur zwei Monate nachdem man den Tasmanischen Tiger unter Artenschutz gestellt hatte. Sie ist erfroren. Aus Nachlässigkeit (bzw. Vernachlässigung) wurde sie von ihrem geschützten Schlafgehege ausgesperrt und starb an den Folgen einer extrem kalten tasmanischen Nacht.

Vor kurzem schaffte es Tasmanische Tiger nochmals in die Schlagzeilen, weil sein Erbgut entschlüsselt wurde. Die dafür verwendeten Proben stammten von einem vor 108 Jahren in Alkohol konservierten Jungtier. Ein Befund der Genanalyse ist, dass die genetische Diversität des Tasmanischen Tigers schon von 70.000 bis 120.000 gering gewesen sei.

Genetische Vielfalt ist für eine Art überlebenswichtig. Der Grund warum es überhaupt eine geschlechtliche Fortpflanzung gibt, ist dass dabei die Gene der Eltern an die Nachkommen vermischt weitergegeben. Damit ergibt sich eine Vielzahl von Genkombinationen bei den Nachkommen, die im Sinne der Evolutionstheorie neu angepasste Individuen sein können. Gerade bei sich verändernden Umweltbedingungen ist das von Vorteil. Unabhängig voneinander entwickelte nützliche Mutationen können sich irgendwann in einem Individuum vereinen. Unterschiedliche Immunsysteme mit variabler Immunantwort der Individuen erhöhen außerdem die Gesamtwiderstandsfähigkeit einer Art gegen Krankheiten.

Bei einer geringen Populationsdichte kommt es dagegen zu Inzuchtproblemen. Inzucht führt dazu, dass immer mehr Gene in beiden Chromosomensätzen gleich vorhanden sind. Es treten mehr Erbkrankheiten auf, da diese meist rezessiv vererbt werden. Folge ist generell die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit von Extremen in beiden Richtungen, also sowohl krankhafter als auch besonders leistungsfähiger Genkombinationen. Eine Inzuchtdepression (Reduktion der Fruchtbarkeit, erhöhte Krankheitsanfälligkeit) tritt besonders in eingegrenzten Lebensräumen (z.B. auf Inseln) auf, in denen aufgrund von Inzucht die genetische Variabilität einer Population eingeschränkt ist und ggf. ein genetischer Flaschenhals vorliegt.

Als genetischen Flaschenhals bezeichnet man eine starke genetische Verarmung einer Art, die durch Reduktion auf eine sehr kleine, oft nur aus wenigen Individuen bestehende Population hervorgerufen wird. Der Tasmanische Tiger ist also wohl bereits von 70.000 bis 120.000 durch einen solchen genetischen Flaschenhals gegangen. Und nach dem Aussterben der Art in Australien und Neuguinea war er sicherlich auch auf der Insel Tasmanien erneut in einem genetischen Flaschenhals.

Da fällt mir dann wieder der Mensch ein.

Statistische Analysen der mitochondrialen DNA (mtDNA) des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) haben eine unerwartet geringe genetische Vielfalt ergeben und zur Annahme geführt, dass es vor rund 70.000 bis 80.000 Jahren auch beim Menschen einen genetischen Flaschenhals gegeben haben könnte. Seinerzeit hätten demnach nur etwa 1.000 bis 10.000 Individuen von Homo sapiens, größtenteils in Afrika, gelebt.

Nach einer umstrittenen Hypothese des Anthropologen Stanley Ambrose (Toba-Katastrophentheorie) ist dieser genetische Flaschenhals auf eine Super-Eruption des Vulkans Toba auf Sumatra vor etwa 74.000 Jahren zurückzuführen. Dieser Eruption sei eine extreme Kälteperiode gefolgt (vulkanischer Winter), die Homo sapiens an den Rand des Aussterbens gebracht habe.

In einer anderen Studie wurde berechnet, dass vor 1,2 Millionen Jahren nur rund 18.500 Individuen aus der direkten Vorfahrenlinie des Homo sapiens lebten.

Von einem weiteren genetischen Flaschenhalseffekt wird angenommen, dass er für den Homo sapiens vor 120.000 Jahren in Afrika auftrat. Danach sollen von der menschlichen Spezies vor dem Verlassen Afrikas – nach einer ca. 60.000 Jahre anhaltenden Kältezeit – nur noch insgesamt wenige hundert Individuen an wenigen Orten überlebt haben.

Vielleicht sind wir Menschen also schon zweimal zeitgleich mit dem Tasmanischen Tigern durch zwei genetische Flaschenhälse gegangen, einmal vor 120.000 Jahren wegen einer langen Kaltzeit und vor 74.000 Jahren aufgrund des Ausbruchs des Vulkans Toba. Trotzdem gibt es heute 7.6 Milliarden Menschen und null Tasmanische Tiger.

Ein genetischer Flaschenhals führt also nicht zwangsweise zum Aussterben einer Art. Der Gepard ist vor ca. 10.000 Jahren einen so extrem engen genetischen Flaschenhals gegangen, dass heute ohne Abstoßungsreaktion Gewebe von einem Geparden auf einen beliebigen anderen übertragen werden kann, was sonst nur bei eineiigen Zwillingen möglich ist. Überlebt haben Sie trotzdem. Im Gegensatz etwa zum Neandertaler oder dem Denisova-Menschen oder dem Homo floresiensis (der aktuell überwiegend als späte Zwergform des Homo erectus interpretiert wird).

Auch der Mensch konnte aussterben und andere, uns ähnliche Menschenarten, mit denen unsere Art eine Zeit lang die Welt teilte, sind tatsächlich ausgestorben – der Denisova Mensch mutmaßlich vor 40.000 Jahren, der Neandertaler vor ca. 30.000 Jahren, der Homo floresiensis vor möglicherweise vor 60.000, vielleicht aber auch erst vor 13.000 Jahren. Den modernen Menschen gibt es seit mindestens 160.000 Jahren.

Das hat etwas von Science Fiction oder Fantasy. Elfen, Orks, Hobbits. Klingonen, Vulkanier oder Andorianer. Es kann gleichzeitig unterschiedliche Menschenartige auf einem Planeten geben. Es war in der Geschichte der Menschheit sogar die Regel, nicht die Ausnahme, dass es mehr als eine Menschenart gleichzeitig gab. Diese unterschiedlichen Menschenarten waren aber eng verwandt. Immerhin wurde inzwischen ein Genfluss von Neandertalern und Denisova-Menschen an den modernen Menschen nachgewiesen. Und einige genetische Auffälligkeiten, die in Afrika nachgewiesen wurden, deuten auf einen dritten Genfluss von einer bislang ungeklärten Vormenschen-Population zum anatomisch modernen Menschen hin.

Aber es geht auch extremer. Schauen wir uns nochmal den Wolf und den Tasmanischen Tiger (Beutelwolf) an. Links sieht man den Schädel eines Tasmanischen Tigers. Rechts den eines Wolfs.

Den letzten gemeinsamen Vorfahren hatten diese beiden Tierarten vor ca. 140 (!) Millionen Jahren. Als das Genom des Tasmanischen Tigers entschlüsselt wurde, interessierten sich die Forscher auch für die Frage, ob das sehr ähnliche Ergebnis über ähnliche Gensequenzen erreicht wurde. Das war aber nicht der Fall.

Die Natur kommt bei ähnlichen Bedingungen also immer wieder auf ähnliche Lösungen, weil sich durchsetzt, was zweckmäßig ist. Man nennt das konvergente Evolution.

Es gibt zwar keine tyrannosaurus- oder brontosaurusartigen Säugetiere und auch keine Känguru-artigen Säugetiere, aber es gab zum Beispiel in Südamerika mit Thylocosmilidae ein Beuteltier, dass verblüffende Ähnlichkeit mit einem Säbelzahntiger hatte. Säbelzahntiger wiederum waren nicht sonderlich eng mit heutigen Katzen oder Großkatzen verwandt. Die letzten gemeinsamen Vorfahren lebten von ca. 20 Millionen Jahren. Und Ichthyosaurier, die vor 250 bis 94 Millionen Jahren lebten, haben eine verblüffende Ähnlichkeit mit Delfinen.

Gegenwärtig sind fast 3.700 Exoplaneten in 2.751 Planetensystemen bekannt (Stand: Oktober 2017), und es werden laufend weitere entdeckt. Alan Boss vom Carnegie Institution for Science schätzt, dass es etwa 100 Milliarden erdähnliche Planeten allein im Milchstraßensystem geben könnte.

Leben kann dann nicht selten sein. Und Leben neigt zu ansteigender Komplexität.

Es gab in der Geschichte unseres Planeten zahlreiche Massenaussterben: vor 510 Millionen Jahren, vor 444 Millionen Jahren, vor 372 Millionen Jahren, vor 359 Millionen Jahren, vor 260 Millionen Jahren, vor 252 Millionen Jahren, vor 201 Millionen Jahren, vor 66 Millionen Jahren.

Einem Massenaussterben folgt gewöhnlich eine beschleunigte Phase der adaptiven Radiation durch die überlebenden Arten, die im Zuge ihrer Vermehrung jene Habitate besiedelten, die zuvor von konkurrierenden Lebensformen besetzt waren.

Die Evolution beginnt selbst auf dem gleichen Planeten immer wieder einmal notgedrungen aufgrund eines Massenaussterbens von vorne. Beim siebten Anlauf nach einem Massensterben kamen wir und unsere ausgestorbenen nahen Verwandten, die Neandertaler, die Denisova-Menschen oder der Homo erectus zustande.

Vielleicht braucht es im Durchschnitt nur drei Versuche. Vielleicht braucht es zehn oder mehr. Aber gänzlich exotisch scheint die Entwicklung intelligenter humanoider Wesen nicht zu sein. Also gibt es dort draußen wohl irgendwo so etwas wie Elfen, Orks, Hobbits, Klingonen, Vulkanier oder Andorianer.

Und vielleicht werden wir Menschen irgendwann einmal die Dingos der Galaxis. Oder die Tasmanischen Tiger der Erd-Insel. Wobei eine friedliche Koexistenz mit Klingonen, wenn man denn Star Trek Next Generation und Deep Space 9 Glauben schenken mag, auch nicht völlig ausgeschlossen ist.

Der letzte Endling ist die Hoffnung.

Quellen und Artikel zum Thema:

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