Deshalb wird Katalonien unabhängig. Es sei denn…

Wir leben in einer turbulenten Zeit, in einem instabilen Europa und in einer instabilen Welt. Überall Unwägbarkeiten. Wer hätte gedacht, dass das Vereinigte Königreich tatsächlich aus der EU verabschiedet? Und können wir auch wirklich ganz sicher sein, dass es am Ende dazu kommt und nicht doch noch ein Rückzug vom Rückzug erfolgt.

Kristallkugeln braucht man heute gleich im Dutzend. Das macht sie billiger. Nur leider sind sie alle von minderer Qualität. Ich habe trotzdem einen Blick riskiert.

Was geht da in Spanien vor und wie wird es enden?

Katalonien wird unabhängig werden, weil die Menschen es wollen. Man kann den kollektiven Willen der Bevölkerung nur mit Gewalt stoppen. Gewaltiger Gewalt. Ein paar Gummigeschosse reichen da nicht. Von Gummigeschossen lassen sich die Katalanen offensichtlich nicht abschrecken. Einen richtigen Bürgerkrieg wird aber Rest-Spanien am Ende nicht riskieren.

Das legalistische Argument, die Verfassung lasse eine Unabhängigkeit nicht zu, ist schlicht armselig. Man kann eine Verfassung ändern. Eine Verfassung ist zwar das oberste Rechtkonstrukt, aber es lebt vom Konsens. Wenn die Mehrheit einer Region den Konsens nicht mehr teilt, wird eine Verfassung wirkungslos. Katalonien ist eine Kulturnation und wird am Ende als arg verspätete Nation in neu gedruckten Atlanten erscheinen.

Der Begriff der Kulturnation beschreibt eine Auffassung, die unter einer Nation eine Gemeinschaft von Menschen versteht, die sich durch Sprache, Traditionen, Kultur und Religion miteinander verbunden fühlen, also durch Zugehörigkeit zu einer Kultur. Das Nationalgefühl einer Kulturnation beruht auf einer gemeinsamen Kultur. Eine Kulturnation ist einem Staat gedanklich vorgelagert und von staatlichen Grenzen unabhängig, sie existiert auch ohne eigenen Nationalstaat. Im Fall „verspäteter Nationen“ kann das im Begriff der Kulturnation enthaltene Zusammengehörigkeitsgefühl zeitlich der Gründung eines Nationalstaats vorausgehen, so im Falle Deutschlands und Italiens im 19. Jahrhundert.

(aus Wikipedia-Artikel „Kulturnation“)

Dass solche Landkarten-verändernden Prozesse nicht abgeschlossen sind und wohl auch nie „endgültig“ abgeschlossen sein werden, zeigt die noch relativ frische Unabhängigkeit von europäischen Ländern wie der Slowakei, Kroatien, Slowenien oder auch Mazedonien. Von diffusen Fällen wir Bosnien oder Kosovo wollen wir hier lieber erst gar nicht sprechen.

Katalonien hat eine eigene Geschichte, die bis ins Jahr 801 zurück reicht. Damals gründete Kaiser Karl der Große, die Spanische Mark – eine Grenzmark um Barcelona von überschaubarer Größe. Das Gebiet gehörte also zum Frankenreich, die lokalen Herrscher waren aber westgotische Adelige. Das Reich der Westgoten, das die gesamte iberische Halbinsel umfasst hatte war einige Jahrzehnte zuvor nach einer verlorenen Schlacht gegen muslimische Eroberer im Jahr 711 zerbrochen.

Karl hielt die Eroberer aus dem Morgenland schließlich auf und verleibte sich die Reste ein. Die lokalen Adligen ließ man an der Macht. Für diese Westgoten waren die Muslime der neue Feind. Die Franken waren der alte Feind. Denn ursprünglich hatte das Westgotenreich seinen Mittelpunkt in Toulouse und erstreckte sich über weite Teile Südfrankreichs. Dieser Teil ging nach vielen Kriegen im Jahr 507 verloren. Erst die zweite Phase des Westgotenreichs hatte dann seinen Mittelpunkt auf der iberischen Halbinsel.

Soweit es die Situation, also die fränkische Zentralgewalt und der äußere Feind an der Südgrenze zuließ, versuchte man also wieder unabhängig zu werden. Erfolg hatte (ca. 878) schließlich Wilfried der Haarige. Ein Foto liegt der Redaktion leider nicht vor. Allerdings ist der Name wohl auch primär propagandistisch gewählt worden. Der fränkische Herrscher, von dem er sich unabhängig machte hieß Karl der Kahle. Ein bisschen Gegenentwurf kann ja nicht schaden.

Jedenfalls konnte Wilfried eine Reihe von Grafschaften in der Spanischen Mark vereinen und regierte diese als weitgehend selbständiges Reich von Barcelona aus – der Anfangspunkt Kataloniens.

Katalonien, bzw. das Königreich Aragon bliebt eine unabhängige und mächtige Kraft auf der iberischen Halbinsel und beteiligte sich auch intensiv an der Reconquista gegen das Kalifat von Cordoba und seine Nachfolgestaaten.

In den eroberten Gebieten wie der Region Valencia oder auf den Balearischen Inseln sprechen die Menschen bis heute katalanisch (das aber in Valencia natürlich Valencianisch und auf den Balearen entsprechend auf Mallorca Mallorquinisch (mallorquí), auf Menorca Menorquinisch und auf Ibiza Ibizenkisch. Und die Variante des Ibizenkischen auf und Formentera heisst natürlich Formenterisch.

Zu Spanien gekommen ist Katalonien erst nach 1469. Damals heiratete Ferdinand, Erbe der Krone Aragoniens, seine Cousine Isabella, Erbin von Kastilien.

Der Ursprung von Kastilien ist der kleine Teil des Westgotischen Reiches im Nordwesten der Iberischen Halbinsel, ein Randgebiet des Westgotenreiches, das auch erst recht spät von diesem einverleibt wurde. Auch diese Ecke wurde kurz von den Mauren erobert (711). Die Bevölkerung rebellierte aber erfolgreich gegen die Besatzer (719) und diese wieder vertrieb.

Aus dem anfangs winzigen Gebiet, das zuvor auch erst spät ein Teil des Westgotischen Reichs geworden war, entstand das Königreich Asturien mit den Nachfolgestatten Leon und Kastilien (anfangs eine Grafschaft von Leon) und Portugal (anfangs eine Grafschaft von Kastilien). Leon und Kastilien wurden später als Kastilien vereint.

„Spanien“ war der gemeinsame Dachname für das in Personalunion regierte zentralistisch organisierte Kastilien und eher föderal und wiederum aus Teilstaaten bestehende Aragon, Es war eine Doppelmonarchie. Sowas kennt man geschichtlich z.B. auch von Österreich-Ungarn, das trotz vieler hundert Jahre gemeinsamer Geschichte am Ende bekanntlich auseinandergebrochen ist.
Die Staaten der Krone von Aragonien waren sowohl untereinander als auch gegenüber Kastilien durch Zollgrenzen getrennt. Bei der Eroberung der Neuen Welt und auch beim Handel mit ihr blieb Aragon ausgeschlossen.

Seine staatliche Unabhängigkeit verlor Aragon (und damit Katalonien) erst nach dem Spanischen Erbfolgekrieg als absolutistische, zentralistische Staaten nach Vorbild Frankreichs der letzte Schrei waren. Am 11. September 1714 wurde Barcelona eingenommen (Nationalfeiertag in Katalonien), die Privilegien der Provinzen wurden 1715 aufgehoben. Kastilischen wurde Amtssprache. Zwar wurden anders Sprache systematisch unterdrückt, sie wurden aber nur zurückgedrängt und verschwanden nicht.

Ausbreitung der Sprachen auf der iberischen Halbinsel vom 13. bis zum 21. Jahrhundert:
Ausbreitung der Sprachen auf der iberischen Halbinsel vom 13. bis zum 21. Jahrhundert

Wenn wir heute von Spanisch sprechen, meinen wir eigentlich Kastilisch. Außer Kastilisch wird in Spanien auch Katalanisch (von ca. 9.2 Millionen), Aragonesisch (von ca. 0.01 Millionen), Baskisch (von ca. 0.7 Millionen), Asturleonesisch (con ca. 0.45 Millionen) und Galicisch (von ca. 3.5 Millionen; entspricht im Wesentlichen dem Portugiesischen) gesprochen.

Spanien ist ein Vielvölkerstaat und Katalanisch ist etwa so Kastilisch („Spanisch“) wie Niederländisch Deutsch ist. Auch die Niederlande gehörte ja einmal zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Das hielt nur eben nicht.

Die Katalanen haben zuletzt im Oktober 1934 die Unabhängigkeit ausgerufen. Der Aufstand scheiterte. Franco gewann den Spanischen Bürgerkrieg gegen die Sozialisten und die aufständischen Regionen und die katalanische Sprache wurde verboten.

Franco starb 1975. Das Königreich Spanien wurde wiederhergestellt und die Katalanen (und zeitgleich die Basken) erhielten 1979 ein Autonomiestatut. 2005 wurde es neu verhandelt. Nach langen und emotionalen Verhandlungen wurde rund die Hälfte der Artikel des Autonomiestatut verändert. 2006 stimmte das spanische Parlament zu. Auch in Katalonien wurde es mit 74 % Zustimmung angenommen.

Dann klagte die Partido Popular vor dem Verfassungsgericht dagegen. 2010 erklärte das Verfassungsgericht Teile für verfassungswidrig, was einen erheblichen Rückschlag für die Selbstverwaltung bedeutete. Die Unabhängigkeitsbewegung wurde so neu befeuert und wurde so im letzten Jahrzehnt Mehrheitsfähig.

Beim Unabhängigkeitsreferendum stimmten dann 2,26 Millionen Katalanen ab, was einer Wahlbeteiligung von 42,3 Prozent entspricht. 90 Prozent davon sprach sich für eine Abspaltung aus.

Also wird Katalonien bald unabhängig werden. Wie Ungarn nach 500+ Jahren gemeinsamer Geschichte mit Österreich oder wie später die Slowakei nach etwas über 70 Jahren von der Tschechoslowakei (1918 bis 1992).

Oder vielleicht wird Katalonien doch nicht unabhängig.

Im Referendum haben primär die Wahlberechtigten abgestimmt, die für eine Selbstständigkeit sind. Es waren weniger als 50% der Wahlberechtigten. Von allen Wahlberechtigten haben nur 38.97 % für die Unabhängigkeit gestimmt (also 90% von den 42,3 Prozent, die am Referendum teilgenommen haben).

Die Katalanen (und die in Katalonien lebenden und dort wahlberechtigten Spanier), die kein unabhängiges Katalonien haben wollen werden gar nicht gehört, weil es nach Auffassung der Zentralregierung in Madrid ein Denkverbot für den Volkswillen gibt.

Vielleicht sollte man mal nach Kanada schauen. Auch dort gibt es eine Provinz in der eine andere Sprache (Franzisch) gesprochen wird und in der es Unabhägigkeitsbestrebungen gibt.

Der Grund warum es auch heute noch einen Staat Kanada gibt, und keinen unabhängigen Staat Québec und einen Staat „Rest“Kanada ist, dass die Bürger von Québec im Jahr 1980 und ein weiteres mal im Jahr 1995 über ihre Unabhängigkeit abstimmen durften.

Daran sollte sich Spanien ein Vorbild nehmen, wenn es irgendeine Hoffnung haben will, die Einheit Spaniens zu bewahren.

Quellen und Artikel zum Thema

  • Wikipedia: Kulturnation
  • Wikipedia: Geschichte Kataloniens
  • Wikipedia: Westgotenreich
  • Wikipedia: Wilfried_I. (der Haarige)
  • Wikipedia: Königreich Asturien
  • Wikipedia: Geschichte Spaniens
  • Wikipedia: Québec (Separatismus)
  • MSN: Diese 5 Fakten zeigen dir, warum Katalonien seit 300 Jahren unabhängig sein will
  • Ein Kommentar

    1. Es ist schon traurig zu sehen, welchen Weg die spanische Zentralregierung eingeschlagen hat, um die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens zu beantworten. So geht „der Schuss nach hinten los“. Selbst Gegner der Unabhängigkeitsbewegung wechseln durch dieses Vorgehen die Seite.

      Dennoch: Ich halte eine Unabhängigkeit Kataloniens für Schwachsinn. Wo soll das Enden, wenn jedes Kulturvolk einen eigenen Staat ausruft? Sag sich dann bald Friesland von den Niederlanden los? In der heutigen Zeit müssen alle Völker enger zusammenwachsen, und das sind sie ja auch (Großbritannien nimm hier wieder einmal eine Sonderstellung ein). Eine Kulturnation rechtfertigt meines Erachtens keine Unabhängigkeitsbestrebungen, wenn sie nicht unterdrückt, diskriminiert oder verboten ist. Wir brauchen auch keinen Staat Bayern … oder halt: den haben wir ja, den Freistaat Bayern. Sicherlich auch eine Kulturnation. aber vielleicht ein gutes Beispiel wie mehr Selbstbestimmung mit Nationalität vereinbar ist.

      Der Blick in die Vergangenheit ist dann meines Erachtens wenig hilfreich. Zu schauen, wo einmal Grenzen verliefen, fördert immer nur Konflikte. Der Elsass, den sich Frankreich einverleibt hat, als die Deutschen durch die Türkenbelagerung vor Wien abgelenkt bzw. damit beschäftigt waren, ist ein gutes Beispiel. Nachdem der Elsass mehrmals „zurückerobert“ wurde und nun (hoffentlich) endgültig zu Frankreich gehört sage ich: seien wir doch froh, dass ist so ist, wie es ist.

      Wir sollten dafür sorgen, dass ist keine Rolle spielt, auf welcher Seite einer Grenze in Europa man geboren wurde oder lebt. Wir sollten dafür sorgen, dass wird überall selbstbestimmt, friedlich und im Wohlstand leben können. Und das ist im Kern auch die Idee der europäischen Union. Sicherlich lebt man in Katalonien sehr gut. Deshalb habe ich auch wenig Verständnis für die dortigen Rufe nach einem eigenen Staat. (Noch-)mehr Selbstbestimmung ist eine gute Sache, aber das lässt sich auch mit demokratischen Mitteln erreichen (auch wenn es vielleicht viel länger dauert).

      Ein Patentrezept, wie man mit den Unabhängigkeitsfanatikern umgeht, habe ich auch nicht, aber sicherlich braucht es einen cleveren und besonnenen Weg und keine Gummigeschosse. Wenn zwei sich streiten, dann ist oft ein Moderator und Schlichter hilfreich, um Kompromisse zu verhandeln und einen Weg aus der Krise zu suchen. Vielleicht findet sich ja (hoffentlich bald) ein solcher Vermittler unter den europäischen Partnern.

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