Ehe für alle. Folter für einige.

Der Fortschritt bei der Akzeptanz oder gar Gleichstellung Homosexueller ist weltweit höchst unterschiedlich.

In Deutschland gibt es seit dem 1. Oktober die Ehe für alle und in Österreich prüft das Verfassungsgericht gerade die Öffnung der Ehe für Homosexuelle.

In Tadschikistan hat der Staat dagegen gerade mit der Registrierung Homosexueller begonnen.

Die Liste der Behörden in Tadschikistan umfasst aktuell 367 Namen von angeblich schwulen oder lesbischen Bürgern. In der regierungstreuen Zeitung Zakonnost schreibt der Staatsanwalt von Tests, die an ihnen durchgeführt werden, um „die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten zu vermeiden“. Zudem soll durch die Aktion die Sicherheit der Homosexuellen im Land erhöht werden, indem man nun ihre Identität kenne und sie besser schützen könne.

Da Tadschikistan 8,6 Millionen Einwohner hat, dürfte die Liste nicht ganz vollständig sein.

Obwohl Homosexualität in Tadschikistan nicht unter Strafe steht, ist sie gesellschaftlich geächtet. Staatliche Registrierung ist bereits Repression und der erste Schritt einer weitergehenden Verfolgung. Schon die Möglichkeit einer Registrierung dürfte viele Menschen davon Abschrecken, sich zu Ihrer Homosexualität zu bekennen. Dass auch weitere, aktivere Schritte drohen, zeigt der Blick nach Aserbaidschan.

Auch in Aserbaidschan ist Homosexualität nicht verboten. Trotzdem wurden dort im September Dutzende Menschen in der Hauptstadt Baku wegen ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Orientierung bei Razzien in Bars, auf der offenen Straße und in Ihrem Zuhause verhaftet. Dabei wurden die Festgenommenen auch geschlagen und erniedrigt. Dabei versuchte die Polizei den Verhafteten auch die Namen anderer Schwuler oder Transsexueller abzupressen. Offiziell richtet sich die Vorgehensweise gegen Prostitution, Drogendelikte, „gefährliche Krankheiten, darunter auch AIDS“. Der „liberale“ Politiker Ajas Efendijew erklärte Berichten zufolge, die Razzien würden durchgeführt, um diejenigen zu bekämpfen „die von Gott verflucht wurden“.

In der autonomen russischen Teilrepublik Tschetschenien gibt es keine Homosexualität. Das sagte jedenfalls der Regierungssprecher, als auf Berichte über die Verfolgung Homosexueller in einem Land reagierte. Die entsprechenden Berichte seien Lüge und Desinformation. Denn: „Man kann niemanden verhaften oder unterdrücken, den es in der Republik gar nicht gibt“, sagte Regierungssprecher Karimow. „Würden solche Leute in Tschetschenien existieren, müssten die Sicherheitsbehörden sich gar nicht um sie kümmern, da ihre Verwandten sie selbst an einen Ort schicken würden, von dem sie nicht zurückkehren.

Tatsächlich kommt es immer wieder dazu. Homosexualität ist in Tschetschenien extrem geächtet. Das muslimische Land ist stark von Stammestraditionen geprägt und es geschehen dort immer wieder Ehrenmorde. Männer und Frauen, die die Ehre der Familie beschmutzt haben, werden teilweise von der eigenen Familie umgebracht. Ein schwuler Mann gilt in Tschetschenien als Schande für die ganze Familie. Das führt immer wieder zu Ehrenmorden, bei denen Homosexuelle von ihren Verwandten umgebracht werden. Die tschetschenischen Behörden sogar Freibriefe für das Töten von schwulen oder bisexuellen Familienmitgliedern ausgestellt haben.

Die russische Nowaya Gaseta, die über die Situation berichtet zitierte aus einer anonymen Nachricht, die in einem mit Facebook vergleichbaren Dienst verbreitet wurde:

„Sie haben nicht nur junge Leute getötet, sondern auch erwachsene Männer bis zu 50 Jahren. Unter ihnen sind auch berühmte Persönlichkeiten Tschetscheniens. […] Der Jüngste ist 16 Jahre alt. Er kommt aus unserem Dorf. In diesen Tagen haben sie ihn völlig zusammengeschlagen hergebracht, er war nur ein Sack voller Knochen. Sie haben ihn vor die Tür geworfen und gesagt, man möge ihn töten. Er soll noch immer nicht ganz bei sich sein.“ (Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Aus dem Augenzeugenbericht eines Betroffenen (A.B.):

„Im Februar rief mich ein Freund spät in der Nacht an und fragte, ob er mich besuchen dürfte. Ich sagte zu. Als er ankam, ging ich nach draußen, um ihn zu sehen. Ich erblickte ihn zusammen mit anderen Leuten – sofort bemerkte ich, dass das eine Falle war. Die anderen trugen Tarnuniformen. Sie erklärten, dass sie mich mitnehmen werden. Sofort begannen sie, auf mich einzudreschen und mich zu beschimpfen. Ich sei kein Mann, nur irgendeine Kreatur. Ich sei nichts. Und ich sollte besser ein Terrorist als eine Schwuchtel sein. Ein schmutziger Lappen wäre mehr wert als ich.
(…)
Ich ertrug so viel ich konnte, aber ich brach, als sie mir ein Video von Folterungen zeigten. Aufgenommen hatten sie es selbst. Sie hatten einen Kerl gefangen, der angeblich Kontakte zu Terroristen hatte. Im Clip brachten sie ein Rohr und einen Stacheldraht. Das Rohr schoben sie dem Kerl in den Anus. Dann legten sie den Stacheldraht in die Röhre. Anschließend entfernten sie das Rohr – und zogen dann langsam den Stacheldraht heraus. Als ich das Video sah und realisierte, dass sie auch bei mir das Rohr und den Stacheldraht mitgebracht hatten, brach ich innerlich. Ich war einverstanden, mit ihnen zusammenzuarbeiten.
(…)
Sie haben die Folter genossen. Auch wir wurden gezwungen andere zu schlagen und mit Stromschlägen zu traktieren. Umgekehrt haben sie auch andere Insassen angewiesen, mit uns zu tun, was auch immer sie wollten.
(…)
Dort waren viele Leute: Der Chef der Polizeibehörde und andere Polizisten. Sie sagten, sie wüssten, dass ich schwul sei und dass ich nicht versuche solle, mich zu verstecken. Wenn ich ihnen die Wahrheit erzähle, wäre das besser für mich. Sie wollten Informationen von mir haben – alles was ich über andere Schwule, Drogenabhängige und Terroristen wüsste. Sie sagten, wenn ich ihnen nicht mindestens drei Namen nenne, würden sie mich wegen etwas Ähnlichem anklagen und mich nie mehr aus dem Gefängnis lassen.“ (Quelle; Huffington Post)

Aus dem Augenzeugenbericht von K.L.:

„Wir wurden gezwungen auf dem Boden zu liegen, mit dem Gesäß nach oben. Jeder in der Zelle schlug uns drei Mal mit einem Rohr.

Nach einer Woche waren bereits 18 LGBTs festgenommen und gefoltert worden. Der Jüngste war etwa 17 Jahre alt, der älteste um die 47 Jahre. Es wurde uns nicht erlaubt uns zu waschen. Einige Gefangene bekamen offene Wunden – die Zelle roch nach verrottetem Fleisch.“ (Quelle; Huffington Post)

Der Bericht von I.J.:

„Sie warfen mich auf den Boden und prügelten auf mich ein. Sie boxten in meinen Brustkorb und in mein Gesicht, meinen Kopf schlugen sie gegen den Boden. Einer von ihnen sagte: ‚Schlagt ihn nicht, wenn er in Schockstarre ist. Dann spürt er keinen Schmerz. Das brauchen wir nicht.‘

Sie gaben mir weibliche Bezeichnungen und forderten Namen von anderen Schwulen, die ich kannte. Wenn ich das nicht machte, drohten sie mir mit dem Tod. (…)

Einer der Leute, die mich packten, war unser örtlicher Polizeibeamte.“ (Quelle; Huffington Post)

Inzwischen wurden in Tschetschenien regelrechte Konzentrationslager eingerichtet, in die Homosexuelle verschleppt und in denen sie gefoltert werden.

Ein schwuler Mann berichtete der russischen Zeitung Nowaja Gaseta wie er zusammen mit mehreren Dutzend anderen Schwulen in dieses Geheimgefängnis in der Stadt Argun gebracht wurde. Einige seien mehrere Tage dort geblieben, andere Wochen oder Monate.

Mehrmals am Tag seien die Männer aus der Zelle herausgeholt, geschlagen und gefoltert worden. Die Peiniger wollten von ihnen Kontaktdaten von anderen Schwulen bekommen. Deshalb seien auch all ihre Handys nach der Festnahme angeschaltet geblieben: „Jeder Mann, der in dieser Zeit anrief oder schrieb, war für sie eine neue Beute.“ Er berichtete weiter über Folter mit Stromschlägen, nach denen er ohnmächtig geworden sei. An anderen Tagen seien sie durch eine Gasse von mehreren Dutzend anderen Häftlingen geschickt worden, von jedem hätten sie einen Stockschlag bekommen. „Du sitzt die ganze Zeit (in der Zelle) und hörst Schreie von Menschen, die gefoltert werden“.

Man muss allerdings gar nicht schwul sein. Es reicht der Verdacht, auch als Vorwand um Geld zu erpressen. Die russische Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina berichtete „Die Kampagne führte dazu, dass auch Söhne reicher Eltern festgenommen werden, unter dem Vorwand, sie seien schwul, um Geld von ihren Eltern zu erpressen“.

Eine Menschenrechtsbeauftragte der tschetschenischen Regierung sagte zur Situation der Schwulen in Tschetschenien: Jeder Mensch, der sich selbst und die tschetschenischen Traditionen respektiere, werde „alles tun, damit es solche Menschen in unserer Gesellschaft nicht gibt“.

Auch wenn Homosexualität in Russland selbst nicht verboten ist: Die Verhältnisse in Tschetschenien werden von Putin letztlich geduldet.

Insbesondere in vielen Staaten Afrika und Asiens steht Homosexualität immer noch unter Strafe und wird teilweise ganz erheblich bestraft. Lebenslänglich droht gar in Tansania, Uganda, Pakistan, Indien, Bangladesch, Myanmar. In Mauretanien, Teilen Nigerias, im Sudan, Teilen Somalias, Saudi-Arabien, Iran und Teilen Afghanistans droht für Homosexualität sogar die Todesstrafe.

Einen gewissen Freiraum bieten oft noch die eigenen vier Wände. Bzw. die Tatsache, dass man Menschen nicht in den Kopf gucken kann. Eigentlich. Denn es die Technik schiebt die Grenzen des Machbaren immer weiter heraus.

Lt. einer Studie der Stanford University, die im „Journal of Personality and Social Psychology“ veröffentlicht wurde, kann ein Computer mithilfe von Gesichterkennungssoftware die sexuelle Orientierung von Menschen erkennen. Die Trefferquote lag bei 81% der schwulen Männer und 74 der schwulen Frauen.

Wenn fünf Bilder vorlagen, stieg die Trefferquote auf 91% bei Männern und 83% bei Frauen. Indikatoren, mit denen die Software arbeitet, sind bestimmte modische und Styling-Präferenzen, Unterschiede im mimischen Ausdruck und bestimmte Gesichtsproportionen (schmaleres Kinn, längere Nasen und größere Stirnpartien bei Männern, breiteres Kinn und eine kleinere Stirnpartie bei Frauen).

Ähnliches behauptet auch das israelische Unternehmen Faception mit ihre Software zur Analyse von Fotos zu können. Die Software sei geeignet, um potenzielle Gewalttäter zu erkennen, Extrovertierte von Introvertierten zu unterscheiden oder auch Pädophile finden.

Diese Technologie eröffnet damit ganz neue Möglichkeiten der Verfolgung und Diskriminierung. In Länder wie Tschetschenien, Aserbaidschan oder auch Tadschikistan ist langfristig mit dem Einsatz solcher oder ähnlicher Technologe zu rechnen.

Was die Zukunft bereit hält, hängt von den Menschen ab. Davon, ob sie tolerant sind oder hasserfüllt, gleichgültig oder engagiert.

Deshalb zum Abschluss hier noch ein besonderer Animationsfilm:

Quellen und Artikel zum Thema:

2 Kommentare

  1. … I pressed the ‚like‘ button, but really, I want to NOT like this.
    No, not even that you wrote it all down again.
    Nothing to do with the truth… but the fact that it reads like another news-report. Another summation of the horror that abounds in the world.
    I do not need another account of the desire and lust for pain humans seem to have in abundance.
    Where does this come from, this un-ending, this seemingly omni-present and inert human trait.?
    This boundless energy to destroy, to maim, to torture, to hurt, to make suffer … to kill.!
    It seems that humans are for-ever inventing new and exiting ways to indulge in that ‚human‘ desire.!

    I am not smart enough to know where it all comes from, but I am stupid enough to know that it is us humans that are the enemy.
    And if takes EVERYBODY that has the capability to ‚feel‘ to change his or her way.
    …but maybe we like to feel this horror..?

    What I miss, is YOUR views, your feelings MR,… the re-telling of horror is not enough.!
    Where is your comments, your condemnation at least..!?
    [ ..and no, a cute film… animated at that… is NOT enough ]
    You are the blogger writing… or are you just collecting other peoples news…?

    mali

    1. Ich denke, dass man im allgemeinen meine Meinung zum den Themen schon mitbekommt. Eine Ausnahme ist vielleicht der Post „Union: Kompromiss zur Obergrenze und Konzentration neu ankommender Flüchtlinge in Aufenthaltszentren“. Da hat es mich nachträglich gestört, dass nach meinem Empfinden zu wenig eigene Meinnung sichtbar ist und der Artikel eher zu einem Nachrichtenüberblick geraten ist.

      Was den vorliegenden Artikel angeht: ich denke die Augenzeugenberichte der Opfer sprechen für sich. Genau deshalb nehmen sie so viel Raum ein.

      Trotzdem finden sich natürlich ein paar persönliche Meinungen im Artikel, wie „Staatliche Registrierung ist bereits Repression und der erste Schritt einer weitergehenden Verfolgung. Schon die Möglichkeit einer Registrierung dürfte viele Menschen davon Abschrecken, sich zu Ihrer Homosexualität zu bekennen.“ oder „Was die Zukunft bereit hält, hängt von den Menschen ab. Davon, ob sie tolerant sind oder hasserfüllt, gleichgültig oder engagiert.“.

      Der Artikel startet mit dem Gegenbild und endet mit dem Gegenbild. Dazwischen ist der Horror.

      Leute denen ich dazu dann noch meine Meinung erklären muss, bzw. denen ich haarklein darlegen muss, dass ich das Geschehen als menschenverachtend und böse empfinde und auf das Schärfste verurteile, gehören nicht zu meiner Zielgruppe. Solchen Leuten könnte man ohnehin nichts erklären.

      Damit bist natürlich nicht du gemeint. Auch wenn dir meine persönliche Stellungnahme (jedenfalls in diesem Fall) nicht reichte, war dir meine Meinung ja sehr wohl klar.

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