Erpressung auf Saudisch: 328 Millionen US Dollar Lösegeld. Pro Person. 325 Mal.

Am 5. November 2017 kündigte Saudi-Arabien die Einrichtung eines Anti-Korruptions-Komitee unter Führung von Kronprinz Mohammed bin Salman an. Die Ermittlungsmethode war einfach, schnell und effizient. Wer zu viel Geld hatte, wurde verhaftet. Noch am Tag der Einrichtung des Anti-Korruptions-Komitees wurden 11 Prinzen, 4 amtierende Minister, etliche Militärs und Dutzende frühere Minister festnehmen. Eingesperrt wurden sie feudal: im Ritz-Carlton Riyadh Gefängnis, eigentlich ein 5 Sterne Hotel.

Einer der Verhafteten war Prinz Al-Waleed bin Talal, der reichste Mann Saudi-Arabiens, der von Forbes mit einem Vermögen von 19 Milliarden US Dollar auf Position 45 der reichsten Menschen der Welt geführt wird. Ein anderer verhafteter Milliardär, Saleh Abdullah Kamel verfügt nur über ein Vermögen von 2.1 Milliarden US Dollar.

Ein Großteil der insgesamt 381 Verhafteten befindet sich inzwischen wieder auf freiem Fuß. 325 Freigelassene haben dabei insgesamt eine Summe von 106.7 Milliarden US Dollar (bzw. 400 Milliarden saudische Riyal oder ca. 85 Milliarden Euro) aufgebracht, womit sich der Durchschnittsverdienst für den Geiselnehmer auf 328 Millionen pro Person beläuft. Das dürfte ziemlich einmalig in der Geschichte des Verbrechens sein. Es wäre doch gelacht, wenn das nicht für einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde reicht.

Damit will ich nicht behaupten, dass sich die Opfer nichts zuschulden kommen gelassen haben.

Korruption, insbesondere in Form von Vetternwirtschaft ist in Saudi-Arabien weit verbreitet. Auch die saudische Regierung und die königliche Familie wurden oft und viele Jahre lang der Korruption beschuldigt. In einem Land, das der königlichen Familie angehört und nach ihr benannt ist, sind die Grenzen zwischen Staatsvermögen und dem persönlichen Vermögen hoher Fürsten verwischt.

Der Fisch stinkt immer vom Kopf her. 2015 kaufte sich Mohammed bin Salman das teuerste Eigenheim der Welt, das Château Louis XIV in Frankreich nahe Paris für 301 Million Dollar. Damals war Mohammed bin Salman “nur” Prinz, Kronprinz wurde er erst am 21.06.2017. Bei seinem Urlaub in Südfrankreich fiel ihm im selben Jahr auch eine Jacht auf, die er gerne haben wollte. Die Jacht namens “Serene” war 134 Meter lang und es stellte sich heraus, dass sie dem russischen Milliardär Yuri Shefler gehörte, der sie 2011 für 330 Millionen Dollar bauen ließ. Ein paar Stunden später gehörte die Jacht Mohammed bin Salman – er hat sie mal eben für 550 Millionen Dollar gekauft. Im November 2017 ersteigerte Mohammed bin Salman das mit einem Verkaufswert von 450 Millionen Dollar teuerste Gemälde der Welt, die Christusdarstellung “Salvator mundi” von Leonardo da Vinci.

Von so jemandem erwartet man nicht gerade eine Verurteilung in Sachen Korruption und Vetternwirtschaft. Mohammed bin Salman sitzt ja selbst im Glashaus. Warum sollte er da mit Steinen werfen? Eine Krähe hackt der anderen schließlich kein Auge aus.

Blöd nur für die Fürsten, wenn der Oberfürst Geld für ein 500 Milliarden Dollar Projekt Zukunftsprojekt in der Wüste braucht und der Ölpreis gerade nicht mitspielt. Die Verhaftungen waren da genaugenommen quasi Notwehr.

Einer der Verhafteten war der 71-jährige Bakr bin Ladin, ein Halbbruder von Osama bin Laden, des Gründers der Terrororganisation al-Qaida. Bakr bin Ladin ist der Vorsitzende des Baukonzerns Saudi Binladin, besitzt 23,58% der Aktien des Großkonzerns mit 217.000 Mitarbeitern und ist damit dessen größter Gesellschafter. Die saudische Königsfamilie gab bei der Gruppe Paläste, Militäranlagen und Prestigebauten in Auftrag und schuldet den bin Ladins schätzungsweise 30 Milliarden Dollar.

Am 11.01.2018 übernahm Saudi-Arabien die Managementkontrolle über die Saudi-Binladin-Gruppe. Nominell bleibt das Unternehmen zwar in der Hand der Familie, aber die Besitzer sind quasi entmündigt, wenn nicht enteignet. Der Konzern wird jetzt von einer fünfköpfigen Kommission geleitet, die vom Finanzministerium gebildet wurde und der drei ernannte Regierungsvertreter und zwei Mitglieder der Familie bin Ladin angehören. Bakr bin Ladin ist nicht mehr dabei. Es gibt aber schließlich genug Auswahl. Der Gründer Muhammad bin Awad bin Laden und Vater von Osama und Bakr hatte insgesamt 54 Kinder von 22 Ehefrauen. Wenn man eine Marionette braucht, dürfe also kein Problem stets einen willigen Sohn oder Enkel des Firmengründers bei der Hand zu haben – und ein weiteres Dutzend auf der Reservebank.

Im Grunde läuft die Angelegenheit auf eine kaum verschleierte Zwangsenteignung und Verstaatlichung des größten Baukonzerns Saudi-Arabiens hinaus. Das schafft die lästigen Schulden vom Hals und bringt den Konzern auf Linie, was das Großprojekt NEOM des saudischen Kronprinzen angeht. Wenn man eine Stadt für 500 Milliarden Dollar bauen will, braucht man nun mal einen Baukonzern. Wenn man keinen hat, muss man sich eben einen stehlen.

Das ist im Grunde nur die saudische Variante des Fringsens, benannt nach Erzbischof Kardinal Josef Frings, der in seiner Predigt vom 31. Dezember 1946 zum Gebot „Du sollst nicht stehlen“ sagte: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann.“

Arbeit kann man dem saudischen Kronprinzen ja wohl kaum zumuten. Und Bitten ist auch unter seiner Würde. Also hat er eben salmaniert.

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