Iran: Arzt wartet auf Hinrichtung wegen „Verdorbenheit auf Erden“

Dr. Ahmadreza Djalali stammt aus dem Iran und studierte dort Medizin. Er ist Experte für Katastrophenmedizin und arbeitet seit 1999 in diesem Fachgebiet. Von 2005 bis 2006 leitete er die Sektion Katastrophenmanagement des iranischen Ministeriums für Wohlfahrt und soziale Gerechtigkeit. 2009 verließ er den Iran, um seinen Doktor am Karolinska-Institut in Schweden zu machen. Er hat außerdem als Dozent in Italien und in Brüssel gearbeitet. Er lebt in Schweden, ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 5 und 14 Jahren.

Katastrophenmedizin beschäftigt sich mit ärztlichen Maßnahmen, die bei einem Massenanfall von Verletzen oder erkrankten Personen notwendig sind. In so einem Fall müssen die Betroffenen gesichtet werden, um die Behandlungspriorität der einzelnen Patienten festzulegen und um dann möglichst vielen unter Berücksichtigung der vorhandenen Ressourcen das Überleben zu ermöglichen. Gleichzeitig werden vorhandene medizinische Versorgungsmöglichkeiten den Notwendigkeiten entsprechend aufrechterhalten oder ausgebaut.

Dr. Djalali hat zu diesem Thema mit Forschern aus aller Welt zusammengearbeitet, um die operativen Kapazitäten von Krankenhäusern in Ländern mit extremer Armut, die von Katastrophen und bewaffneten Konflikten betroffen sind, zu verbessern. Er hat zu seinem Forschungsgebiet 46 wissenschaftliche Artikel veröffentlicht.

Am 02.02.2016 veröffentlichte er als einer von zwei Autoren eine Publikation mit dem Titel „Bewährte Verfahren des Gesundheitssektors und der EU-Krankenhäuser für Risikomanagement und -reduzierung bei Terroranschlägen und interorganisationelle Pläne“. Die Publikation wurde für das THREATS-Projekt der EU angefertigt, das darauf abzielt, die Widerstandsfähigkeit der Krankenhäuser in der EU als kritische Infrastruktur zu erhöhen, indem ihre Schutzfunktion und ihr Sicherheitsbewusstsein gegen terroristische Anschläge verbessert werden.

Nach einer Darstellung aus dem Umfeld von Djalali wurde dieser 2014 von Agenten des iranischen Militärgeheimdienstes kontaktiert, die ihn baten, Informationen über westliche chemische, biologische, radiologische und nukleare Standorte sowie über kritische Infrastrukturen und Operationspläne zur Terrorismusbekämpfung zu sammeln. Djalali weigerte sich.

Im Jahr 2016 wurde Djalali eingeladen, an einem wissenschaftlichen Workshop auf seinem Gebiet im Iran teilzunehmen. Im April 2016 reiste er aufgrund der Einladung in den Iran. Am 25.04.2016 wurde er dort auf dem Weg von Teheran nach Karaj von iranischen Sicherheitskräften verhaftet.

Er wurde sieben Monate lang ohne Zugang zu einem Anwalt im Evin-Gefängnis in Teheran festgehalten, drei davon in Einzelhaft. Während der Einzelhaft wurde er täglich verhört und gefoltert, um ein Geständnisse zu erlangen. Später teilte er sich eine Zelle von 7,4 Quadratmetern mit 3 weiteren Gefangenen.

Im Dezember 2016 begann er einen Hungerstreik, der 42 Tage andauert. Im Februar 2017 begann er einen weiteren Hungerstreik, der 43 Tage dauerte. Sein Gesundheitszustand hat sich dadurch sehr verschlechtert.

Die Haftbedingungen im Iran gelten generell als sehr hart. Das Evin-Gefängnis ist dort berüchtigt und wird vor allem für die Inhaftierung von politischen Häftlingen genutzt. Für seine Einzelzellen, in der Größe 1 × 2 m berüchtigt ist der Trakt 209, der dem Geheimdienst untersteht und politischen Gefangenen vorbehalten ist. Hier war Dr. Djalali in den ersten sieben Monaten inhaftiert.

Das Gefängnis darf von außen und innen nicht fotografiert werden, Aufnahmen sind daher selten. Die Fotografin Zahra Kazemi wurde im Jahr 2003 wegen Aufnahmen vor diesem Gefängnis zu Tode gefoltert. Nach schwerer Folter wurde sie in das Baghiyyatollah al-Azam Militärhospital eingeliefert. Sie war unter anderem vergewaltigt worden, Fingernägel waren ausgerissen, Finger der Hand gebrochen, das Nasenbein gebrochen und ein Trommelfell geplatzt. Wegen ihrer Schädelverletzungen befand sie sich im Koma. Nach etwa zwei Wochen am 11. Juli 2003 wurden die lebensverlängernden Maßnahmen beendet.

„Gefangene wurden monatelang in kleine Särge mit den Maßen 50 × 80 × 140 cm gesteckt. 1984 waren 30 Gefangene in solchen Särgen. Manche wurden verrückt,“ so Abbas Amirentezam, stellvertretender Premierminister unter Mehdi Bāzargān, der 27 Jahre im Evin-Gefängnis inhaftiert war. In aus dem Gefängnis geschmuggelten Briefen berichtete Entezam, dass er bei drei verschiedenen Gelegenheiten mit verbundenen Augen in die Hinrichtungskammer gebracht worden war – einmal wurde er „zwei volle Tage dort festgehalten, während der Imam über sein Todesurteil nachdachte“. Entezam erlitt durch seine Haft bleibende Ohrschäden, Hautkrankheiten und Wirbelsäulendeformationen.

Roxana Saberi, eine Journalistin, die ein paar Monate im Evin-Gefängnis in Haft war, beschreibt darüber hinaus die „Weiße Folter“, eine Kombination aus Manipulation, Einschüchterung, Isolation […], die zu falschen Geständnissen oder Verleumdung von Freunden und Kollegen führt.

Folter und sexueller Missbrauch (u. a. harte Gegenstände in das Rektum oder in die Vagina zu schieben) um die Gefangenen zu Geständnissen zu zwingen, ist im Evin-Gefängnis eine gängige Praxis.

„Viele Gefangene verschweigen gegenüber dem Gefängnisarzt die Wahrheit über ihren Gesundheitszustand. Sie haben Angst davor, dass die genannten Krankheiten oder verwendeten Medikamente als Ursache ihres ungewollten Todes im Gefängnis erklärt werden könnten,“ so Mehdi Chazali, Sohn des Ajatollah Abolghassem Chazali.

Am 31. Januar 2017 wurde Djalali ohne Beisein seines Rechtsbeistands dem Revolutionsgericht in Teheran vorgeführt worden. Er wurde wegen „Mofsed-e-filarz“ (Verdorbenheit auf Erden / Feindschaft gegen Gott) angeklagt.

„Feindschaft gegen Gott“ ist ein Gummiparagraph mit dem seit Beginn der islamischen Revolution schätzungsweise 8.000 Regimegegner und Dissidenten zum Tode verurteilt wurden. Mit dem Tod bestraft werden danach: Verbrechen gegen die Massen; Verbrechen gegen das Vaterland und die äußere Sicherheit; Verbreitung von Gerüchten und/oder Verleumdung; Veruntreuung von Staatsgeldern; Errichtung oder Betrieb von Bordellen; schwere Störungen der öffentlichen Ordnung; Verursachung von Sicherheitsrisiken; Beschädigung öffentlichen oder privaten Eigentums; moralische Korruption.

Konkret wurde Dr. Djalal vorgeworfen, die Adressen von 30 Nuklear- und Militärwissenschaftlern an israelische Agenten weitergegeben zu haben, von denen zwei bei Bombenanschlägen im Jahr 2010 getötet wurden. Man darf sich allerdings schon fragen, wie ein Experte für Katastrophenmedizin an die Adressen von 30 Nuklear- und Militärwissenschaftlern kommen soll. Die Theorie, dass er tatsächlich dafür bestraft wird, dass er die Spionagetätigkeit für den Iran verweigerte, erscheint da auf anhieb deutlich glaubhafter.

Im Juli 2017 wurde Djalali nochmals in Einzelhaft genommen, um seinen Kontakt mit Botschaftern aus europäischen Ländern, die ihn im Evin-Gefängnis besuchten, zu verhindern.

Am 21. Oktober 2017 wurde er zum Tode verurteilt. Gegen das Todesurteil konnte innerhalb von 20 Tagen Berufung eingelegt werden. Näheres zum Stand des Verfahrens bzw. der Berufung ist nicht bekannt.

In einer Sprachaufnahme, die am 22. Oktober auf YouTube veröffentlicht wurde, hört man Dr. Djalali sagen, dass er in Einzelhaft zweimal gezwungen wurde, vor einer Videokamera „Geständnisse“ zu machen, indem er Aussagen vorliest, die von seinen Vernehmern vorab geschrieben wurden. Er sagt, dass er durch psychologische Folter und Drohungen, ihn zu exekutieren und seine Kinder zu verhaften, unter starken Druck gesetzt wurde, um zu „gestehen“, ein Spion für eine „feindliche Regierung“ zu sein. In der Aufnahme sagt er, dass seine akademischen Überzeugungen dazu benutzt wurden, ihn zu verurteilen und zum Tode zu verurteilen. Er bestreitet auch die Anschuldigungen gegen ihn und sagt, dass sie von den Vernehmern des Ministeriums für Nachrichtendienste erfunden wurden.

Nach Einschätzung von Amnesty International wurde Dr. Djalali „nach einem äußerst unfairen Prozess zum Tode verurteilt, der einmal mehr nicht nur das unerschütterliche Engagement der iranischen Behörden für die Anwendung der Todesstrafe, sondern auch ihre völlige Missachtung der Rechtsstaatlichkeit offenbart“.

Bemühungen zur Freilassung / Begnadigung Djalalis

Ende Oktober wurde in Teheran eine gemeinsame Protestnote der EU-Mitgliedstaaten übergeben.

75 Nobelpreisträger, darunter die Schriftstellerinnen Herta Müller (Deutschland) und Elfriede Jelinek (Österreich) sowie die Chemiker Gerhard Ertl (Deutschland) und Joachim Frank (Deutscher mit amerikanischer Staatsbürgerschaft) haben sich in einer gemeinsamen Erklärung an den UN-Botschafter des Iran mit der Bitte um Freilassung Djalalis gewandt.

Es gibt eine außerdem eine Petition zur Freilassung von Dr. Ahmadreza Djalali, die aktuell von 266.442 Personen unterschrieben wurde. Die Petition ist an den Präsidenten der Republik Iran, Hassan Rohani, an den Ali Laridschani, Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats des Iran sowie an den Außenminister des Iran, Mohammed Dschawad Sarif gerichtet. Ich bitte darum die Petition zu unterschreiben und auch bei Freunden, Verwandten und Bekannten für die Unterzeichnung der Petition zu werben.

Auf der Petitionsseite gibt es auch einen Link um die Petition auf Facebook zu teilen.

Iranisches Raketenprogramm – Drohungen in Richtung Europa

Am 26.11.2017 haben die iranischen Revolutionsgarden die EU vor einer Einmischung in das iranische Raketenprogramm gewarnt. „Bislang haben wir Europa nicht als Bedrohung empfunden, daher haben wir die Reichweite nicht ausgedehnt“, zitierte die Nachrichtenagentur Fars den stellvertretenden Chef der Revolutionsgarden, Hossein Salami. „Wenn Europa aber zu einer Gefahr wird, werden wir es tun.“ Technisch habe der Iran die Möglichkeit dazu, die Reichweite seiner Rakete auf über 2000 Kilometer auszuweiten. Damit könnte sie auch Europa erreichen.

Der Iran unterstützt das Regime von Baschar al-Assad in Syrien, hat erheblichen Einfluß im Irak, wo seine Milizen bei der Bekämpfung des IS halfen, unterstützt die Hisbollah im Libanon und führt einen Stellvertreterkrieg mit Saudi-Arabien im Jemen.

Quellen und Artikel zum Thema:

2 Kommentare

  1. I have once again…“ Like’d “ your article. However, I think liking information such as this and many others you have provided previously is a wrong term. I want to expressively state that I like you writing about issues, not the content of it.
    It is impossible for me to like violence, injustice, destruction and death in the many wars ..open or covert.

    In addition, I think that reading your blog in the morning will stop.
    I do not deny reality, but to read about the many horrid things in the world is not good for the start of my day or my mind.

    Thank you
    mali

    1. Das kann ich gut verstehen. Ich konzentriere mich oft auf Mißstände, um sie anzuprangern, deshalb sind viele bedrückende Themen dabei. Und oft stellen sich die Dinge bei der Recherche auch noch als schlimmer heraus, als ich es am Anfang erwartet hätte.

      Liebe Grüße
      Markus

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