Kommentar zu #metoo, Harvey Weinstein & Co.

In den letzten Wochen war ein Thema beinahe täglich in den Medien in der einen oder anderen Form präsent: die Vorwürfe sexueller Belästigung im Zusammenhang mit #metoo, Harvey Weinstein, Kevin Spacey & Co.

Sexualität ist etwas Höchstpersönliches. Wer da verletzt wird, ist im Kern getroffen. Einem Opfer muss man beistehen. Einem Täter entgegentreten. Das ist eigentlich nicht besonders schwer.

Es passiert aber anscheinend nicht so sehr oft. Es ist einfacher wegzuschauen. Wie sonst könnte man sich erklären, dass Weinstein (oder auch Trump) jahrzehntelang ungeniert Frauen (oder im Fall von Spacey Männer) belästigt haben, ohne das Ihnen etwas passiert ist?

Weil Sexualität etwas Höchstpersönliches ist, wird ausgeblendet, was man vor den eigenen Augen sieht. Man will nicht ins Private eindringen. Es ist unangenehm. Und wenn die Täter Vorgesetzte, Autoritäts- oder Respektspersonen sind, kommen sie umso eher davon. Wenn man sich einmischt, drohen finanzielle und soziale Einbußen.

Der Mensch ist ein Herdenwesen und will in der Gemeinschaft akzeptiert werden. Nicht dazu zu gehören, bereitet Schmerzen, die schlimmer als physische Schmerzen sein können. Wer dazu gehört, wird normalerweise an der Spitze entschieden. Sich gegen die Alphatiere zu wenden, ist sozial gefährlich. Menschen sind eher risikoavers – und schauen im Zweifelsfall weg. Da kann man vermeintlich nichts falsch machen. Andere sehen es ja auch. Die könnten ja was sagen. Und wenn keiner was sagt, wird das schon seinen Grund haben. Warum sollte man selber der erste sein?

Wenn dann aber jemand etwas sagt und der Geist aus der Flasche gelassen wurde, ist es wie ein Dammbruch. Jetzt braucht es keinen Mut mehr, den Täter anzuprangern. Und wer sich schämt, geschwiegen zu haben, spricht sich von der Schuld frei, indem er besonders hart zutritt. Damit kann man vermeintlich beweisen, dass man ja gut ist, dem Opfer hilft und dem Täter entgegentritt.

Fast täglich werden im britischen Politikbetrieb neue Belästigungsvorwürfe bekannt. Der Verteidigungsminister Michael Fallon ist zurückgetreten, nachdem Vorwürfe öffentlich geworden waren, er habe einer Journalistin im Jahr 2002 die Hand aufs Knie gelegt. Damian Green, dem Kabinettschef von Premierministerin May, wird vorgeworfen, einer Journalistin während eines Pub-Besuchs ans Knie gefasst und ihr später eine anzügliche Nachricht geschickt haben. Ein Staatssekretär soll seine Assistentin beauftragt haben, Sex-Spielzeug für ihn zu kaufen. Ein Labour-Abgeordneter soll sich einer Parteikollegin gegenüber „unangemessen“ verhalten und anzügliche Text-Nachrichten geschickt haben.

Der britische Parlamentspräsident John Bercow hat „Null Toleranz“ für sexuelle Belästigungen gefordert. Premierministerin Theresa May forderte einen strengeren Verhaltenskodex für Abgeordnete. Labour-Parteichef Jeremy Corbyn schrieb auf FaceBook „In der Labour-Partei wird es keine Toleranz für Sexismus, Belästigung oder Missbrauch geben“.

Einer derjenigen, gegen die sexuelle Belästigungsvorwürfe erhoben wurden, war der walisische Regionalministers für Kommunales, Kinder und Jugend, Carl Sargeant. Was genau ihm vorgeworfen wurde, ist nicht bekannt. Er wurde am 03.11.2017 von seinem Kabinettsposten suspendiert und vorläufig aus der Labour-Partei ausgeschlossen. Was genau ihm überhaupt vorgeworfen wurde, hatte man ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht mitgeteilt. Zumindest der Öffentlichkeit wird wohl auch nicht mehr bekannt werden. Carl Sargeant hat sich am 07.11.2017 umgebracht.

Labour-Parteichef Jeremy Corbyn äußerte sich im Kurzmitteilungsdienst Twitter „sehr schockiert“ von der Todesnachricht. Aber ich denke davon wird der Mann wohl auch nicht wieder lebendig.

Ein solcher Selbstmord wirkt auch ein wenig wie ein Schuldeingeständnis. Das muss es aber nicht zwangsweise sein. Eine zerstörte Karriere und soziale Ächtung wegen Falschanschuldigungen kann auch ausreichen, um einen Menschen zum Selbstmord zu bewegen, insbesondere falls er schon aus anderen Gründen labil war. Vielleicht war Carl Sargeant aber tatsächlich schuldig und hat einer Kollegin ungefragt die Hand aufs Knie gelegt. Vielleicht hat er sich Schlimmeres zu schulden kommen lassen und womöglich hätte ihm bei einem Verfahren eine Freiheitsstrafe gedroht. Rechtfertigt das die Todesstrafe?

Wer sich eines sexuell motivierten Vergehens schuldig gemacht hat oder auch nur dessen verdächtigt wird, ist sozial tot – und oft auch wirtschaftlich, weil er seinen Job oder seine Kunden verliert. Die moralische Empörung hat dabei etwas von Selbstjustiz. Die Unschuldsvermutung gilt hier nicht. Und wer vorher (in anderen Fällen) weggeschaut hat, sucht sich nun den größten Stein.

Niemand sollte eine sexuelle Grenzüberschreitung hinnehmen müssen. Es ist richtig, wenn Frauen (und Männer) sich dagegen wehren und es ist richtig den Opfern beizustehen und sie zu unterstützen.

Aber wir haben ein Strafgesetzbuch. Soziale Ächtung ist dort im Strafkatalog nicht vorgesehen. Im Gegenteil: in Deutschland besteht nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ein Anspruch des verurteilten Straftäters auf Resozialisierung. Entsprechend ist das Vollzugsziel in § 2 Satz 1 des Strafvollzugsgesetzes (StVollzG) festgelegt: „Im Vollzug der Freiheitsstrafe soll der Gefangene fähig werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen (Vollzugsziel)“.

Wenn man rechtzeitig einschreitet, reicht vielleicht eine Zurechtweisung (oder wenn das nach der Schwere des Falls nicht ausreicht, ein Strafverfahren), statt später jahrzehntelanges Wegschauen durch eine Hinrichtung kompensieren zu müssen.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der es viel weniger Opfer gibt. In der sich eine Kultur etabliert hat, in der Menschen die Grenzen anderer achten und respektieren. In der nicht weggeschaut wird, weil es unangenehm ist, hinzuschauen. In der Menschen mutig sind, wenn es darauf ankommt und nicht, wenn es sie nichts mehr kostet. In der Täter in die Schranken gewiesen, aber nicht sozial hingerichtet werden. In der sie sich vor Gericht verantworten müssen aber später auch eine Perspektive zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft bekommen.

Quellen und Artikel zum Thema:

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