Kreuzworträtsel: Saudischer Größenwahn in 4 Buchstaben: Neom

Saudi-Arabien ist der weltweit größte Erdölproduzent und durch seine Ölexporte eines der reichsten Länder der Welt. 90 Prozent der Staatsausgaben werden aus dem Erdölexport finanziert.

Die saudische Armee ist hochmodern. Der Anteil der Haushaltsausgaben für das Militär ist mit bis zu 10% einer der höchsten der Welt. Saudi-Arabien hat das vierthöchste Militärbudget der Welt (nach den USA, China und nur knapp hinter Russland), ist der zweitgrößte Waffenimporteur der Welt und hat am 20.05.2017 einen Waffendeal über 350 Milliarden US Dollar mit den USA abgeschlossen.

Saudische Staatsbürger mussten bisher keine Steuern bezahlen, vieles war kostenlos: Wasser und Strom, die Bildung und das Gesundheitswesen. Benzin kostet 24 Cent pro Liter. Billiger ist es nur in Venezuela. Öl und Gas werden mit 61 Milliarden Dollar pro Jahr subventioniert. Strom und Wasser noch einmal mit 10 Milliarden Dollar.

Arbeiten können die Gastarbeiter von denen es 11 Millionen gibt: 1,9 Millionen Inder, 1,3 Millionen Indonesier, 1.1 Millionen Pakistani, 970.000 Bangladescher, 730.000 Ägypter, 620.000 Syrer, 530.000 Jemeniten, 490.000 Philippiner, 400.000 Sri Lanker, 380.000 Nepalesen, …

Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 32 Millionen sind also 1/3 ausländische Gastarbeiter. Diese stellen 80% der Beschäftigten im Privatsektor. Die Anzahl der Werktätigen Saudis liegt dagegen bei 5 Millionen. Zwei Drittel von ihnen „arbeiten“ für den Staat. Wirklich geleistet wird dort nichts. Ein ganzes Volk hat sich an die Vollversorgung von der Wiege bis zur Bahre gewöhnt.

Dass das auf Dauer nicht funktionieren kann hat man inzwischen auch in Saudi-Arabien begriffen. Die für saudische Verhältnisse radikalen Reformen von 2016: auf normale Waren und Dienstleistungen erhebt der Staat künftig fünf Prozent, auf Limonaden und ähnliche Zuckerdrinks 50 Prozent und auf Tabak 100 Prozent Steuern. Auf die Einführung einer Einkommensteuer wird nach wie vor verzichtet.

Um die saudische Bevölkerung im Privatsektor in Arbeit zu bekommen wurde eine als „Saudisierung“ bezeichnete Quotenregelung eingeführt werden. Die Quote schreibt für den Bau einen Anteil Einheimischer von 5% bis 7% vor, für komfortablere Jobs im Einzelhandel 10% bis 25%. Was dann aber nicht dazu führen dürfte, dass die Saudis tatsächlich zu arbeiten lernen. Sie werden als Quotensaudis eben mitgeschleppt.

Heute nun hat Saudi-Arabien ein Großprojekt der Superlative vorgestellt: man will in direkter Nähe zur Sinai-Halbinsel, also an der nordwestlichen Grenze zu Ägypten und Jordanien eine neue Megastadt von der Größe Mecklenburg-Vorpommerns bauen. Das Budget dafür liegt bei 500 Milliarden US Dollar (c. 425 Milliarden Euro). Die erste Bauphase soll 2025 abgeschlossen sein. Der Name für die Stadt: Neom. Geschäftsführer des Projekts wird der ehemalige Siemens-Chef Klaus Kleinfeld.

Das Gebiet von Neom soll eine Sonderwirtschafts- und Sonderverwaltungszone mit eigenen Gesetzen (insbesondere im Wirtschaftsbereich werde). Die Lage am Roten Meer sei günstig, weil 10% des Welthandels durch diese Region (also primär durch den Suezkanal) gehe. 70% Prozent der Weltbevölkerung soll von Neom aus mit dem Flugzeug innerhalb von 8 Stunden erreichbar sein. Eine 48 Kilometer lange Brücke soll Saudi-Arabien mit dem ägyptischen Sinai verbinden, womit der Weg durch Israel vermieden wird. Die Stadt soll vollständig durch erneuerbare Engeren (Wind- und Solarenergie) betrieben werden.

Heute ist das Gebiet ist eine unwirtliche, gebirgige Küstenregion. Man fragt sich wie das funktionieren soll oder woher zum Beispiel das Wasser für die Bevölkerung kommen soll.

Aus der Pressemitteilung des saudischen Königreichs:

Ein neues Konzept für die Beschäftigung soll umgesetzt werden, das auf der Gewinnung hochkarätiger Mitarbeiter mit einzigartigen Kompetenzen für Vollzeit-Innovation, Entscheidungsfindung und Unternehmensführung basiert. Wiederkehrende und anstrengende Aufgaben werden vollständig automatisiert und von Robotern erledigt, die die Bevölkerung übersteigen können, was wahrscheinlich das BIP pro Kopf der NEOM zum höchsten Pro-Kopf-BIP der Welt machen wird. All diese Elemente werden NEOM in puncto Effizienz an die Weltspitze führen und machen NEOM zum besten Reiseziel der Welt.

Aha. Die Gastarbeiter sollen durch Roboter ersetzt werden und die lebensuntüchtigen Saudis sollen brillante Erfinder werden, oder als Manager über hochkarätige, ausländische, brillante Erfinder präsidieren. Wenn das mal kein Erfolgsrezept ist.

Warum macht Saudi-Arabien so etwas?

Zunächst mal gibt es Vorbilder in der Region. Dubai startete 2006 ein Projekt zum Bau einer ausschließlich mir erneuerbaren Energien betriebenen Ökostadt namens Masdar für 50.000 Einwohner mit einem Budget von 20 Milliarden US-Dollar. Die erste Bauphase sollte 2009 abgeschossen werden, bis 2015 wollte man fertig sein. Die ersten Bauphase wurden bis 2016 tatsächlich nur zu 30% fertig gestellt. Nur 2000 Menschen arbeiten in Masdar. 300 Studenten leben an der dort gegründeten Universität. Irgendwie ist etwas da, aber im Grunde ist das Projekt vollkommen gescheitert.

Was Dubai kann, kann Saudi-Arabien besser. Denkt man jedenfalls anscheinend dort.

Außerdem ist die Lage bemerkenswert. Die Stadt befindet sich im Grunde im Nirgendwo an der absoluten Peripherie des Landes und soll das neue wirtschaftliche Herz eines nicht mehr von der Ölindustrie abhängigen Saudi-Arabien werden. Damit verlagert sich der geographische Schwerpunkt in Richtung der restlichen sunnitischen Welt.

Hier scheint die Großmacht-Strategie Saudi-Arabiens eine Rolle zu spielen, dass sich als Anführer der Sunniten positioniert hat und sich in einem Hegemonialstreit mit dem Iran (als Anführers des schiitischen Islam) befindet. Einen Stellvertreterkrieg im Rahmen dieses Konflikt wird im Jemen geführt, wo Saudi-Arabien 2015 auf Seiten der sunnitischen Stammesmilizen und gegen die schiitischen Stammesmilizen in den jemenitischen Bürgerkrieg eingriff. Der Konflikt dauert an und führt dazu, dass 19 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind und 7 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind.

Ein irrwitziges Projekt wie Neom muss eigentlich spektakulär scheitern. Und weil die Menschen dort (anders als etwa in Norwegen, das seinen Ölreichtum vorausschauend investiert hat, ohne seine Bevölkerung lebensuntüchtig zu machen) verlernt haben zu arbeiten, muss letztlich auch Saudi-Arabien scheitern und auf den Status einer Mittelmacht zurückfallen, wenn das Öl irgendwann ausgeht oder die Preise in den Keller fallen, weil für Heizung und Auto nicht mehr Gas, Öl und Ölprodukte, sondern regenerative Energien verwendet werden.

Etwas anderes als einen spektakulären Fehlschlag kann man sich im Grunde auch kaum wünschen, denn Saudi-Arabien ist DIE Quelle der Radikalismus in der islamischen Welt. Es ist kein Zufall, dass 15 der 19 Flugzeugentführer, die die Terroranschläge am 11. September 2001 Staatsbürger Saudi-Arabiens waren. Saudi-Arabien gehört zu den radikalislamischsten Ländern der Welt. Es finanziert den radikalen Salafismus und die entsprechende Missionierung auf der ganzen Welt und unterdrückt zugleich die schiitische Minderheit im eigenen Land (etwa 10 bis 15 % der Bevölkerung). Dabei genießt es bei den anderen islamischen Ländern einen Sonderstatus, weil sich die zwei heiligsten Städte des Islams in diesem Land befinden.

Es wird vermutlich noch Jahrzehnte dauern, bis den Saudis das Geld ausgeht. Je mehr größenwahnsinniger Projekte man dort anstrengt, desto schneller wird das gehen. Und immerhin können mit dem Geld dann keine Militärinterventionen oder Salafisten finanziert werden.

Quellen und Artikel zum Thema:

2 Kommentare

  1. Ich hab mich vor Lachen kaum eingekriegt. „Aha. Die Gastarbeiter sollen durch Roboter ersetzt werden …“, das ist so herrlich trocken geschrieben. Großartiger Artikel.

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