Medizin, Geld und Moral – zur Heroin-Epidemie in den USA. Und den Verursachern aus der Pharmaindustrie.

Ende Oktober hat Trump den Gesundheitsnotstand für die Vereinigten Staaten ausgerufen. Grund ist, dass dort täglich (!) mehr als 150 Menschen an rezeptpflichtigen Schmerzmitteln oder Heroin (als Ersatzdroge) sterben.

Viele Abhängige in den USA sind über verschreibungspflichtige Schmerzmittel wie Oxycodon (bzw. Oxygesic oder OxyContin), Vicodin oder Hydrocodon in die Heroinsucht gerutscht. Seit den 1990er Jahren wurden die Medikamente sehr freizügig verschrieben.

Hier ein Ausschnitt aus einem Werbevideo von Purdue Pharma, dem Herstellers von OxyContin von 1998, in dem die Suchtgefahr heruntergespielt wird:

2010 lag OxyContin, das seit den 1990er Jahren aggressiv beworben worden war, in den Vereinigten Staaten auf Platz fünf der umsatzstärksten Medikamente. Der Jahresumsatz betrug über 3,5 Mrd. US-Dollar.

Purdue Pharma hatte OxyContin so aggressiv in den Pharmamarkt gedrückt, dass sie 2007 wegen Verharmlosung des Wirkstoffes zu einer Strafzahlung von 600 Millionen US-Dollar verurteilt wurde.

Am 19. Juni 2011 überfiel der 33-jährige David Laffer die Haven Drug Apotheke im Landkreis Suffolk und erschoss vier Menschen. Laffer war abhängig vom Schmerzmittel OxyContin und war mit einem Sack voller Pillen geflohen. Der Fall sorgte für Aufsehen und rückte das Problem in das Bewußtsein der Öffentlichkeit. Danach verschärfte die die Politik die Verschreibungsregeln massiv. Das hatte ungewollte, dramatische Nebenwirkungen. Der Schwarzmarktpreis des Medikamentes stieg auf 40 Dollar an. Heroin war dagegen schon für 5 Dollar zu haben.

Viele OxyContin-Abhängige sind deshalb auf Heroin umgestiegen. Nicht nur ist es günstiger, es ist nach der Verschärung der Verschreibungspraxis auch besser verfügbar.

Laut einer Studie des New England Journal of Medicine aus dem Jahe 2012 begannen 76 Prozent der Menschen, die wegen einer Heroin-Abhängigkeit Hilfe suchten, ihre Drogenkarriere mit Medikamenten, vor allem mit OxyContin.

In der Folge ist die Zahl der Heroinsüchtigen in den USA in den letzten Jahren gerade außerhalb der Ballungsgebiete stark zugenommen hat. Man spricht von einer regelrechten „Epidemie“.

Heroin ist übrigens ein Hustenmittel von Bayer.

Werbung von Bayer für Heroin

Werbung von Bayer für Heroin

Es wurde 1896 entwickelt und in einer massiven Werbekampagne in zwölf Sprachen als ein oral einzunehmendes Schmerz- und Hustenmittel vermarktet. Es fand auch Anwendung bei etwa 40 weiteren Indikationen, wie Bluthochdruck, Lungenerkrankungen, Herzerkrankungen, zur Geburts- und Narkoseeinleitung, als „nicht süchtigmachendes Medikament“ gegen die Entzugssymptome von Morphin und Opium. Das „heldenhafte“ Mittel Heroin sollte also alle Vorteile von Morphin, aber keine Nachteile haben. Als Nebenwirkungen wurden lediglich Verstopfung und leichte sexuelle Lustlosigkeit beschrieben, weshalb das Opioid von der Ärzteschaft und von den Patienten zunächst überaus positiv aufgenommen wurde.

1904 wurde erkannt, dass Heroin, genau wie Morphin und sogar noch stärker als dieses, zur schnellen Gewöhnung und Abhängigkeit führt. Zwar warnten daraufhin einige Ärzte, dass es das gleiche Abhängigkeitspotenzial wie Morphin besitze, diese blieben jedoch zunächst in der Minderheit. Das lag einerseits an der aggressiven Vermarktung des Mittels, andererseits daran, dass die orale Darreichungsform zu einer sehr viel langsameren und geringer dosierten Aufnahme des Stoffes führte, wodurch starke Rauschzustände und Abhängigkeit in der Regel ausblieben. Außerdem gab es damals noch keine Stigmatisierung Opioidabhängiger.

Ab etwa 1910 wurde vor allem in den USA, wo die Morphin- und Opiumsucht häufiger und in breiteren Schichten vorkam als in Europa, die von der Droge Heroin ausgehende Gefahr erkannt. Als dort bekannt wurde, dass gerauchtes, geschnupftes und insbesondere intravenös gespritztes Heroin eine weitaus stärkere Wirkung hatte, stiegen viele Opioidabhängige auf die leicht erhältliche Substanz um, die außerdem nebenwirkungsärmer als Morphin war. Die Zahl der Abhängigen stieg rasch an.

1931 gab Bayer dem politischen Druck nach, stellte die Produktion ein und entfernte Heroin damit aus seiner Produktpalette. Stattdessen konzentrierte sich die Firma nun auf ihre zweite bahnbrechende Entdeckung, Aspirin. (Quelle: Wikipedia)

Als ein Wissenschaftler 1899 die „Giftigkeit“ des Arzneimittels kritisierte und der Absatz zurückging, fuhr man schwere Geschütze auf. Bayer-Prokurist Carl Duisberg sagte, man müsse die „Gegner mundtot schlagen“. Meist war das gar nicht notwendig: Ein Großteil der Ärzteschaft feierte Heroin ohnehin als neues Wundermittel. „Das sicherste aller Hustenmittel“ sei es, es entfalte eine „zauberhafte Wirkung“, zeigten sich deutsche Ärzte von Heroin beeindruckt. (Quelle: Die Presse)

Aufgrund der strikteren Vorschriften ist der Umsatz von OxyContin in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Im Jahr 2013 lag OxyContin in den Vereinigten Staaten noch auf Platz 18 der umsatzstärksten Medikamente. Der Jahresumsatz betrug noch 2,5 Mrd. US-Dollar. Auch das sind noch gigantische Summen. 600 Millionen Dollar Strafzahlung zum Anschub des Konsums sind da Peanuts.

Bis 2016 hat Purdue Pharma 31 Milliarden Dollar mit dem Medikament verdient.

Mit der Verkündung des Gesundheitszustands ordnete Trump die Bundesbehörden an, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Krise zu bekämpfen. Zusätzliche Mittel zur Bekämpfung des Notstands wurden nicht bereitgestellt. Mit einer massiven Werbekampagne, soll jungen Leuten vermittelt werden, verschreibungspflichtige Medikamente zu meiden.

Was für eine idiotische Maßnahme soll das bitte sein?

Die Idee suggeriert, dass Leute, die verschreibungspflichtige Medikamente nicht meiden und süchtig werden, eben selbst Schuld sind.

Die Verantwortung für ein Medikament, das abhängig machen kann, liegt beim Gesetzgeber (wirksame Regulierung), bei der Pharmafirma (korrekte Kommunikation, Hinweise auf Risiken), bei den Leitlinien-Kommissionen, die über Behandlungsempfehlung entscheiden (Risiko-Nutzen Abwägung für die Behandlung und die Alternativen), bei den verschreibenden Ärzten (Risiko-Nutzen Abwägung für den Einzelfall) und den abgebenden Apotheken (kontrollierte Abgabe).

In Amerika wurde OxyContin von Zahnärzten bedenkenlos auch Jugendlichen verschrieben. Bei einer Auswertung von Verschreibung im Zusammenhang mit einer Zahnextraktion über 2.757.273 Patienten hatten Patienten im Alter von 14 bis 17 Jahren hatten den höchsten Anteil an Opioid-Verschreibungen (61 Prozent), gefolgt von Patienten im Alter von 18 bis 24 Jahren (52 Prozent).

Auch Bayer hat übrigens sein Hustenmittel Heroin einst für Kinder beworben (Mutter gibt Kind Heroin, Bildunterschrift: „Der Husten verschwindet“).

Werbung von Bayer für Heroin

Der Tagesspiegel schreibt zu Ausrufung des nationalen Notstands durch Trump:

Allerdings will Trump keinen formellen nationalen Notstand ausrufen, der sofort Bundesmittel abrufbar machen würde. Statt dessen will er bis zum Jahresende mit dem Kongress ein Programm zur Bekämpfung der Krise ausarbeiten und eine Werbekampagne starten, die den Amerikanern die Gefahren durch Opioide klarmachen soll.

Justizminister Jeff Sessions kommentierte die schlimmste Rauschgift-Welle seit der Crack-Epidemie der 1980er Jahre mit den Worten, die Leute sollten halt einfach „Nein sagen“.

Weder Trump noch Sessions sagten etwas über das schmutzige Geheimnis im Zentrum der Krise: Mächtige Leute verdienen sehr viel Geld daran. Hersteller tun alles, um Medikamente im Milliardenwert zu verkaufen. Medienberichten zufolge sind mitunter korrupte Ärzte und Apotheker im Spiel, die viel mehr Schmerzmittel verschreiben und ausgeben, als eigentlich nötig wären.

Erst kürzlich beschrieben die „Washington Post“ und der Fernsehsender CBS als Ergebnis einer gemeinsamen Recherche, wie die Pharmalobby im vergangenen Jahr im Kongress einen Abbau von Vollmachten der Rauschgiftbehörde DEA durchsetzte. Sie warb mit Erfolg für ein neues Gesetz, mit dem es den DEA-Agenten so gut wie unmöglich gemacht wurde, verdächtige Lieferungen von Pharmafirmen zu unterbinden und damit zu verhindern, dass Schmerz- und Betäubungsmittel im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar an mutmaßliche Hehler gelangen.

Mitten in der Opioiden-Epidemie habe die Pharma-Industrie freie Hand bei der Verteilung von Suchtstoffen erhalten, sagte der frühere DEA-Abteilungsleiter Joseph Rannazzisi der „Post“. Die Speerspitze beim Sieg der Industrie über die Kontrollbehörde bildete der republikanische Abgeordnete Tom Marino. Kürzlich wurde ausgerechnet Mariono von Trump als neuer „Rauschgift-Zar“, also als oberster Drogen-Bekämpfer, vorgeschlagen. Erst nach den Berichten von „Washington Post“ und CBS zog Marino seine Bewerbung zurück. (Quelle: Tagesspiegel)

Es laufen bereits Klagen von Kommunen gegen Purdue Pharma (und andere Hersteller süchtig machender Medikamente), die darauf abzielen, Schadensersatz für die Kosten der Behandlung von Drogensüchtigen von der Pharmafirma zu bekommen.

Aber was ist mit den Drogensüchtigen selbst? Wo bleibt Ihr Schadensersatz? Das Leben sehr vieler Menschen und Ihrer Angehörigen wurde zerstört. Wenn ein süchtig machendes Medikament als unbedenklich beworben wurde und die Menschen deshalb in den Teufelskreis einer Abhängigkeit geraten, sollte der Verursacher dafür zur Rechenschaft gezogen werden und das Opfer nicht noch gesellschaftlich diskriminiert werden.

Natürlich muss es bei einer strengen Vergabepraxis bleiben oder Mittel gleich verboten werden (wie Hydrocodon, dass in den USA noch verschrieben werden kann, in Deutschland aber als Suchtgift dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt). Aber den bereits Betroffen müsste zugleich durch die kontrollierte, kostenlose Abgabe von Ersatzdrogen (z.B. Methadon) und Therapien geholfen und sie müssten bei der Resozialisierung unterstützt werden.

Für die Finanzierung sollten die Pharmafirmen herangezogen werden, die das Problem in die Welt gesetzt haben, z.B. Purdue Pharma.

Aber auch Bayer. Auch wenn es 86 Jahre nach dem Ende der Produktion keine juristische Handhabe mehr geben mag, sollte die Firma durch sanften (und wenn nötig unsanften) Druck dazu bewegt werden, ihrer historischen Verantwortung gerecht zu werden.

Das ist schon einmal gelungen: In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Zwangsarbeiter bei Bayer (Werk Leverkusen der I.G. Farben) eingesetzt. Die Bayer AG war im Jahr 2000 eines der Gründungsmitglieder der „Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“, deren Hauptanliegen die Entschädigung von Zwangsarbeitern war.

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