Merkel: kein harter Brexit – es sei denn … Boris Johnson (oder ein anderer Irrer)

Auch wenn die Verhandlungen deutlich hinter dem Zeitplan hinterherhinken, zeigte sich Angela Merkel während des EU-Gipfels zuversichtlich, dass es letztlich eine Einigung werde und somit auch kein harter Brexit drohe.

Ich habe da eigentlich überhaupt gar keinen Zweifel, wenn wir geistig alle klar sind“, sagte sie am frühen Freitagmorgen. Sie sehe „null Indizien dafür, dass das nicht gelingen kann

Der Satz stimmt. Natürlich kann es gelingen. Und natürlich kann es nur gelingen, wenn alle geistig klar sind.

Womit wir bei Boris Johnson wären.

Ohne den ehemaligen Bürgermeister von London und jetzigen Außenminister hätte es wahrscheinlich keine Zustimmung zum Brexit gegeben. Als vermeintlicher Mann der Mitte verschrieb er sich aus machttaktischen Gründen, um sich für die Nachfolge von David Cameron in Position zu bringen nach montelangem Abwarten am 22.02.2016 der Brexit-Kampagnie. „Es gibt nur einen Weg, um den Wandel zu bekommen, den wir wollen: ein Votum für den Abschied von der EU.“

Dabei stammt Johnson aus einer europafreundlichen Familie, sein Vater war Abgeordneter im Europaparlament. Boris wurde in die Elite-Kaste des Vereinigten Königreichs hineingeboren, die dort seit Jahrhunderten die Schaltstellen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft besetzt. Entsprechend ging er auf die traditionsreichste Privatschule Englands, nach Eton, und studierte in Oxford, an Englands berühmtester Universität. Dort war er Mitglied der exklusivsten Studentenverbindung, des Bullingdon Clubs (dem auch der ehemalige Premierminister David Cameron angehörte). Die Mitglieder des Clubs sind unrühmlich durch nächtliche Sauftouren aufgefallen, bei denen auch schon mal ein Pub zerlegt wurde. Schnöselige junge Privilegierte, die aus Langeweile betrunken randalierten und mit ihrer Unantastbarkeit kokettierten.

Nach dem Studium begann Johnson ein Praktikum bei der Times und wurde entlassen, weil er ein Zitat seines Patenonkels, der später Vizepräsident von Universität Oxford wurde, verfälscht hatte. Er wechselte zum Daily Telegraph und schrieb dort regelmäßig Leitartikel, war Korrespondent aus Brüssel und berichtete über die EG. Später wurde er Mitherausgeber, wechselte dann als Hauptherausgeber zur Zeitung The Spectator.

Johnson gilt als witzig, schlagfertig, volksnah und als brillanter Redner. Und als Egozentriker, Narziss und Größenwahnsinniger.

2008 bewarb er sich als konservativer Kandidat für den Posten als Bürgermeister von London. Die Konservative Partei stellte ihm dafür einen Wahlkampfmanager zur Seite, der wegen Johnsons Neigung, in Fettnäpfchen zu treten, dafür sorgte, dass Johnson kaum Interviews mit Druck- und Fernsehmedien bestritt und stattdessen bei Radiogesprächen und Fernsehprogrammen tagsüber auftrat, wo eher „leichte“ Fragen gestellt wurden. Johnson gewann die Wahl und blieb bis 2016 Londons Bürgermeister.

2015 wurde Johnston außerdem ins Unterhaus gewählt. In einem Interview mit der BBC am 24. März 2015 nannte Premierminister Cameron Johnson neben George Osborne und Theresa May als einen seiner möglichen Nachfolger im Amt des Premierministers.

Anfang 2016 weigerte sich Johnson zunächst, sich für einen Brexit auszusprechen. Am 21.02.2016 sprach er seine Unterstützung für den Brexit aus. Camerons Argumente gegen einen Austritt aus der EU bezeichnete er als „maßlos übertrieben“ und „Panikmache“.

Als US-Präsident Obama dem Vereinigten Königreich riet, in der EU zu bleiben, schrieb Johnson einen Beitrag für die Boulevardzeitung The Sun, in dem er spekulierte, Barack Obama lehne aufgrund seiner „teilweise kenianischen“ Abstammung möglicherweise das British Empire ab und dies könne der Grund dafür gewesen sein, dass im Jahr 2009 eine Büste Winston Churchills aus dem Oval Office im Weißen Haus verschwand.

Währende der andere Hauptverfechter des Brexit, Nigel Farage von der UK Independence Party den Sieg des Brexit Lagers enthusiastisch feierte, ließ Johnston sich zunächst nicht blicken und wirkte überrascht und geschockt.

Berthold Kohler, einer der FAZ-Herausgeber, schrieb: „Johnsons unerträgliche Leichtigkeit des politischen Seins trug ihren Teil dazu bei, dass eine knappe Mehrheit der Behauptung Glauben schenkte, Großbritannien werde es nach dem Austritt aus der EU besser gehen als bisher. Das glaubt er nun aber nicht einmal mehr selbst, falls er es jemals tat. Es ist nicht auszuschließen, dass Johnson annahm, die Woge der „Leave“-Kampagne, die er ritt, werde ihn bis in die Downing Street tragen, aber nicht so gewaltig sein, dass sie Großbritannien tatsächlich aus der EU hinaus spülen würde. Jetzt aber […] verließen ihn sein Mut und seine Großmäuligkeit. Seine Versprechen sind nicht zu erfüllen. Spätestens seit seiner Fahnenflucht kann es keinen Zweifel mehr daran geben, dass er nicht der Richtige für das Amt des Premierministers gewesen wäre. Die Briten [..] müssen sich nach seinem Offenbarungseid […] fragen, warum sie ihm nachliefen.“ (Quelle: Wikipedia)

Bei der Suche nach einem Nachfolger für David Cameron galt Johnson eigentlich als heißer Kandidat. Aber er kniff, als er offenkundig zum eigenen Erstaunen – und vermutlich auch Entsetzen – erreicht hatte, wofür er polemisierte. Statt selbst seinen Hut in den Ring zu werfen, unterstütze er eine andere Bewerberin, die sich gegen Theresa May nicht durchsetzen konnte. Ziemlich überraschend wurde er dann Außenminister im Kabinett von May.

Während der Brexit-Kampagne verglich er die Europäische Union mit Nazi-Deutschland. 2007 bezeichnete er die spätere amerikanische Außenministerin Hillary Clinton als „sadistische Krankenschwester in einer psychiatrischen Anstalt“. Das ist nicht sonderlich diplomatisch. Vermutlich bekam er den Posten um ihn in die Kabinettsdisziplin einzubinden und so unter Kontrolle zu bekommen. Es ist auch ein Job in dem sich Johnson mutmaßlich selbst demontieren kann. Auch darauf mag May spekuliert haben.

Nun ist er seit einigen Monaten Außenminister. Was hat er geleistet?

Bei einer Rede auf dem Parteitag der Konservativen berichtete er von einem Besuch in Lybien im August:

„Sie haben die großartige Vorstellung, aus Sirte das nächste Dubai zu machen“, sagte Johnson, der von weißen Stränden, dem „wunderschönen Meer“ und „genialen jungen Leuten“ schwärmte. Und fuhr fort: „Das einzige, was sie noch machen müssen, ist die Leichen wegzuräumen“.

In Neuseeland machte er sich über das Begrüssungsrital der indigenen Maori, den Hongi lustig. Maori schütteln sich beim Hongi die Hände, neigen den Kopf nach vorne, berühren sich mit der Stirn und drücken dann sanft die Nasen gegeneinander. Das Ritual soll den Atem des Lebens symbolisieren. Johnston verglich es mit einem Kopfstoß. In einem Glasgower Pub könne es missverstanden werden.

Auf Staatsbesuch in Burma, britischen Kolonie von 1824 und 1948, begann er bei einer Rede vor lokalen Würdenträgern ein Gedicht (Road to Madalay) von Rudyard Kipling aufzusagen, in dem ein britischer Soldat von der Schönheit seiner burmesischen Geliebten schwärmt und der Dichter den Wind in den Palmen und die Tempelglocken sagen lässt „Komm zurück, du britischer Soldat, komm zurück nach Mandalay“. (“For the wind is in the palm-trees, and the temple-bells they say: Come you back, you British soldier; come you back to Mandalay!”).

Im 19 Jahrhundert musste das Vereinigte Königreich in Burma drei Jahre lang Aufstände der eiheimischen Bevölkerung blutig niederschlagen.

Der britische Botschafter in Burma machte seinem Chef dann doch noch schnell klar, dass das Gedicht nicht ganz angemessen für die Situation war. Ein größerer diplomatischer Eklat blieb deshalb aus.

Aktuell positioniert sich Johnston als Verfechter eines harten Brexit, der die Zugeständnisse zu denen Theresa May schon bald gezwungen sein könnte, ablehnt und mal wieder eine goldene Zukunft für ein Vereinigtes Königreich nach hartem Brexit ausmalt und wieder die (längst wiederlegte) Lüge aus dem Brexit-Wahlkampf wiederholt, dass Großbritannien nach dem Brexit 350 Millionen Pfund pro Woche zusätzlich in das Gesundheitssystem stecken könne.

Hier noch ein Video von Boris Johnston beim Rugby beim Einsatz gegen einen Zehnjährigen:

Jedenfalls ist der Mann durchsetzungsstark.

Leider auch verlogen, skrupellos, unberechenbar und egozentrisch.

Quellen und Artikel zum Thema:

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