Simbabwes Gesundheitssystem hat Mugabe

Vor wenigen Tagen hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den 93-jährigen Präsidenten Simbabwes, Robert Mugabe, zum Sonderbotschafter in Afrika für die Bekämpfung chronischer Krankheiten ernannt.

Der Generaldirektor der WHO, der Äthiopier Tedros Adhanom (seit dem 23.05.2017 im Amt) lobte Simbabwe als „ein Land, das die allgemeine Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung in den Mittelpunkt seiner Politik stellt, um die Gesundheitsversorgung aller Menschen sicherzustellen“.

Man sollte meinen, dass es sich bei Mugabe um eine honorige Persönlichkeit handeln muss, die sich sicherlich einige Verdienste erworben haben muss, um für die Rolle als Sonderbotschafter in Betracht gezogen zu werden.

Ist aber nicht so.

Die guten Jahre

Simbabwe, das ehemalige Rhodesien, wurde nach 15 Jahren Bürgerkrieg am 18. April 1980 unabhängig. Erster Premierminister wurde der Parteiführer der mit 63 Prozent den ersten Wahlen nach der Unabhängigkeit siegreichen ZANU (Zimbabwe African National Union): Robert Mugabe. Seit dem 31. Dezember 1987 amtiert er als Staatspräsident.

Nach der Unabhängigkeit Simbabwes im Jahr 1980 galt das Land lange Zeit als Vorbild für eine friedliche postkoloniale Transformation. Das Land war als parlamentarische Demokratie organisiert, 20 Prozent der Mandate waren (bis 1987) der weißen Minderheit vorbehalten. Mit den Jahren regierte Mugabe immer autokratischer und diktatorischer und setzte dabei auch den landeseigenen Geheimdienst dafür ein.

Ab 1987/88 wurde die Verfassung umgebaut. Ebenfalls 1987 wurde die zweitgrößte Partei, die ZAPU, gewaltsam mit der ZANU zur neuen Einheitspartei ZANU-PF verschmolzen. Die Minderheitenrechte wurden abgeschafft und das Land wurde eine Präsidialrepublik mit Mugabe an der Spitze.

Trotzdem Unterdrückung der politischen Opposition gab es zunächst Fortschritte für vielen Bürger: Mugabe investierte in den Gesundheits- und Bildungsbereich. Die Wirtschaftsleistung der Kleinbauern nahm zu, soziale Indikatoren verbesserten sich teils enorm. So sank z. B. der Anteil der Kinder mit Mangelernährung von 22 (1980) auf 12 Prozent (1990), die Lebenserwartung stieg zwischen 1980 und 1990 deutlich, die Kindersterblichkeit ging von 86 Promille auf 49 zurück. Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum pro Jahr von 1980 bis 1989 betrug 4,5 % des BIP.

Die schlechten Jahre

Die dirigistische Wirtschaftspolitik brachte das Land aber mittelfristig in Schwierigkeiten. Auf Druck und mit Unterstützung des IWF und der Weltbank erfolgt ein Wechsel zu einer marktorientierten Politik, verbunden mit einer strengen staatlichen Haushaltspolitik, die einen ausgeglichenen Staatshaushalt und eine Verringerung der Staatsschulden zum Ziel hatte. Viele der Kleinbauern, die zuvor gefördert wurden, kamen nun unter die Räder. Die Wirtschaft stagnierte, die Zahl der Beschäftigten ging deutlich zurück. Die Menschen wurden unzufrieden.

Als im Jahr 2000 ein neuer Verfassungsentwurf in einem Referendum abgelehnt wurde, sah Mugabe seine Macht bedroht und reagierte mit Angriffen und Repressionen gegen zahlreiche Organisationen, von Oppositionsparteien über Verbände und Gewerkschaften bis hin zu den Landarbeitern. Neben der Peitsche sollte die Bevölkerung mit Zuckerbrot bei Laune gehalten werden. Das Zuckerbrot wurde dazu der weißen Minderheit weggenommen: Im Jahr 2000 wurden elf Millionen Hektar Land der weißen Farmer enteignet und neu verteilt – offiziell an rund 300.000 Kleinbauern und bei Entschädigung der Farmer.

Viele Höfe gingen jedoch ohne eine Entschädigungszahlung an Politiker von Mugabes Regierungspartei ZANU-PF. Die Landbesetzungen wurden in einer Willkür-Aktion, häufig ohne Entschädigung, begleitet von Gewalt, organisiert. Viele weiße Siedler flüchteten und brachten zuvor ihr Vieh um und verwüsteten Traktoren und Bewässerungsanlagen.

Alle Präsidentschaftswahlen seit 2002 in erheblichem Umfang gefälscht, um Mugabe im Amt zu halten.

Die Katastrophen-Jahre

Durch diese Art der „Landreform“ verwandelte sich die einstige Kornkammer Afrikas in ein von Hungersnöten und Unterernährung geplagtes, dauerhaft von Lebensmitteleinfuhren abhängiges Land, das von hoher Arbeitslosigkeit und galoppierender Inflation geplagt ist.

2008 war der offizielle Wechselkurs 1 US-Dollar gleich 30.000 Simbabwe-Dollar. Nach einer unvorstellbaren Hyperinflation (Inflationsraten von 200 Millionen Prozent und mehr) entsprachen im Jahr 2015 dann 35 Billiarden Simbabwe-Dollar einem US-Dollar.

So sehen 100 Billionen Zimbabwe Dollar von 2009 aus:
100 Billionen Zimbabwe Dollar

Seit dem 1. Oktober 2015 hat Simbabwe keine eigene Währung mehr. Es wird nun der Dollar verwendet. Weitere offizielle Währungen des Landes sind der Südafrikanische Rand, der Euro und der chinesische Renminbi.

Ab August 2008 breitete sich in Simbabwe eine Choleraepidemie aus, die am 4. Dezember 2008 zur Ausrufung des nationalen Ausnahmezustands führte. Bis zum 16. März 2009 wurden bereits mehr als 90.000 Krankheitsfälle und rund 4.030 Tote gezählt. 3 Millionen Simbabwer emigrierten nach Südafrika.

Zitat eines Artes aus dem Jahr 2008:

Die Spitäler in Zimbabwe erleiden schwere Zeiten. Viele staatliche Spitäler sind nicht mehr funktionsfähig. Sie haben keine Ärzte, keine Medikamente, kein funktionsfähiges Labor mehr. Die Krankenschwestern versuchen, wenigstens einen Grundpflegeservice zu erbringen. In den meisten Spitälern haben sie seit kurzem auch kein Geld mehr, um ihren Patienten eine Mahlzeit zu servieren. So müssen die Angehörigen für sie kochen. Wenn ich ein solches Spital besuchen muss, läuft man vorerst an vielen kleinen offenen Feuern draussen vorbei, darüber ein schwarzer Kochtopf, der auf drei Steinen thront und im Topf brutzelt der Maisbrei. Die meisten Spezialisten haben das Land verlassen, nur noch wenige in der Hauptstadt sind geblieben.

2010 grassierte die Cholera immer noch. In diesem Jahr wurde Mugabe 85 und feierte wie jedes Jahr extravagant seinen Geburtstag: mit 2000 Flaschen Champagner, 8000 Hummern, 500 Flaschen Whisky und dem Fleisch von 76 Kühen.

Zitat eines Arztes aus dem Jahr 2010:

Die Lebenserwartung beträgt 36 Jahre, fast nirgendwo auf der Welt ist sie kürzer. Die Müttersterblichkeit, ein international zuverlässiger Indikator für den Zustand eines Gesundheitssystems, kann sich in Simbabwe mit der Somalias oder der Zentralafrikanischen Republik messen. Mehr als 1100 Frauen sterben während oder nach der Geburt, hochgerechnet auf 100.000 Niederkünfte. Zum Vergleich: In Deutschland liegt diese Rate bei vier Todesfällen pro 100.000 Geburten. (…)

Alle großen Krankenhäuser im Land, auch in der zweitgrößten Stadt Bulawayo, sind außer Betrieb. Der Mangel an Medikamenten und Material in den Krankenhäusern macht die Arbeit schlicht unmöglich. Wie soll ein Chirurg einen Kaiserschnitt vornehmen, wenn es keine Tupfer gibt, keine sterilen OP-Instrumente, kein funktionierendes Sterilisationsgerät, unzuverlässigen Strom, keinen Sauerstoff, kein fließendes Wasser? Wie soll eine Putzfrau nach einer Geburt den Kreißsaal säubern, wenn sie weder Wasser, Seife, Desinfektionsmittel, Wischmopp, Eimer noch Handschuhe hat?

Aktuelle Situation des Gesundheitssytems in Simbabwe

Ruft man die aktuelle, offizielle Regierungsseite des Außenministeriums von Simbabwe auf, kann man nachlesen wie man sich dort der Fortschritte im Gesundheitssystem nach der Unabhängigkeit rühmt. Die Darstellung hört aber im Jahr 2006 auf.

Die österreichischen Zeitung „Der Standard“ hat anscheinend frischere Informationen als das Außenministerium von Simbabwe. Dort wird die aktuelle Situation wie folgt geschildert:

Dort ist die medizinische Versorgung äußerst schlecht. Nur ein Arzt komme auf rund 100.000 Patienten, sagte ein ehemaliges Regierungsmitglied der dpa. Im größten Krankenhaus des Landes würden die Kranken aufgefordert, mangels fließenden Wassers einen eigenen Eimer mit Wasser mitzubringen. Die dortigen Ärzte und Krankenschwestern werden chronisch unter- und hin und wieder gar nicht bezahlt, während in Krankenhäusern selbst die grundlegendsten Medikamente fehlen. (Quelle: Der Standard)

Man muss sich schon fragen wie bescheuert man sein muss, um auf die Idee zu kommen Mugabe unter solchen Voraussetzungen zu einem Sonderbotschafter der Weltgesundheitsorganisation zu ernennen.

Der Aufschrei des Protests ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Neben dem immer noch katastrophalen Zustand des Gesundheitssystems in Simbabwe, wurde dabei auch darauf hingewiesen, dass Robert Mugabe, das inzwischen älteste Staatsoberhaupt der Welt, allein in diesem Jahr bereits 4 Mal zur medizinischen Behandlung nach Singapur geflogen ist. Seinem eigenen Gesundheitssystem scheint er also (wohl aus gutem Grund) nicht so ganz zu vertrauen.

Heute wurde die Berufung Mugabes als Sonderbotschafter von der WHO wieder zurückgezogen. Es bleibt die Schande, dass er überhaupt berufen wurde.

Quellen und Artikel zum Thema:

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