Wissen macht Arbeit (und bedingungsloses Grundeinkommen?)

Heute sind in Deutschland so wenige Akademiker arbeitslos wie zuletzt vor 37 Jahren. Die Arbeitslosenquote für Menschen mit Hochschulabschluss lag 2016 bei 2,3 Prozent. Für Menschen mit beruflicher Ausbildung liegt sie bei 4,2 Prozent.

Die Arbeitslosenquote bei Personen ohne Berufsabschluss lag mit 20,0 Prozent also (aufgerundet) 9-mal so hoch wie die von Akademikern und 5-mal so hoch wie bei Menschen mit betrieblicher Ausbildung.

Wie nicht überraschen dürfte, ist auch das Gehalt viel höher. Eine Analyse des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ergab einen durchschnittlichen Lebensverdiensts von 2,32 Millionen EUR für einen Akademiker, 1325 Millionen EUR für Menschen mit Berufsausbildung und 1,083 Millionen EUR für Menschen ohne Berufsausbildung. Damit die Zahlen etwas verdaulicher und leichter nachvollziehbar werden: verteilt man die Summen auf 47 Jahre (Volljährigkeit bis Renteneintrittsalter) kommt man auf Jahresbeträge von 48.333 EUR, 27.604 EUR und 22.562 EUR.

Wissenserwerb mag also manchmal mühsam sein, führt aber zu deutlich mehr Beschäftigungssicherheit, besserem Verdienst und entsprechend mehr Freiheiten.

Rekordhalter im Wissenserwerb könnten aber bald Maschinen sein.

1996 hat Deep Blue, ein von IBM entwickelter Schachcomputer den damals amtierenden Weltmeister Garri Kasparow geschlagen. Damals eine Sensation. Heute würde das mein Smartphone mit einer kostenlosen SchachApp locker mit dem aktuellen Weltmeister Magnus Carlson nachmachen.

Deutlich komplexer und schwieriger als Schach ist das strategische Brettspiel Go, bei dem durch abwechselndes legen weißer bzw. schwarzer Steine auf dem Spielbrett Gebiete erobert werden. Die Zahl der spielbaren Varianten übersteigt selbst die des Schachspiels um Größenordnungen.

Feng-hsiung Hsu, der als Programmierer von Deep Blue bekannt wurde, hielt es 2007 für möglich, bis zum Jahr 2017 ein Go-Programm zu entwickeln, das die besten menschlichen Spieler besiegte. Bis dahin werde seiner Ansicht nach Hardware zur Verfügung stehen, die mehr als 100 Billionen Positionen pro Sekunde berechnen könnte.

Im Oktober 2015 besiegte das Computerprogramm AlphaGo den Europameister Fan Hui mit 5:0 Partien. Das Programm arbeitete mit zwei neuronalen Netzen (also Netzwerken nach dem Vorbild eines biologischen Gehirns). In einem Netzwerk spielte das Programm die mögliche Entwicklung des Spiels durch. Mit der Hilfe von Millionen archivierten Spielen, sowie der Analyse von Spielen, die es gegen sich selbst spielte, erreichte das Vorhersagemodell für den nächsten menschlichen Zug, eine korrekte Vorhersagewahrscheinlichkeit von 57 %. Basierend auf diesem Modell baute das Programm in einem zweiten Netzwerk eine Entscheidung über den besten Zug auf, indem es den Sieger auf der Grundlage jeder Position vorhersagt. Beim Spiel gegen Fan Hui kamen dabei als Hardware 1380 Prozessoren zum Einsatz (1202 CPUs und 178 GPUs).

Auch wenn der Europameister besiegt werden konnte, die absoluten Spitzenspieler im Go kommen aus Asien. Im März 2016 besiegte AlphaGo dann den weltbesten Go-Spieler Lee Sedol mit 4:1 Partien. Dabei kamen 2200 Prozessoren zum Einsatz (1.920 CPUs und 280 GPUs).

Die Entwickler machten weiter. Eine neue Version, AlphaGo Master trat im Januar 2017 gegen eine Reihe der weltbesten Spieler an und gewann mit 60:0 Partien. Auch dieses System wurde mich menschlichen Partien trainiert. Die Hardware bestand nur noch aus 4 speziellen Prozessoren (TPUs) und verwendete nur noch ein neuronales Netz.

Der neueste Software AlphaGo Zero brachte man nur die Spielregeln bei. Danach spielte sie in drei Tagen 4,9 Millionen Partien gegen sich selbst. Mit menschlichen Partien wurde sie nicht gefüttert. Danach trat die Software gegen die Version an, die Lee Sedol besiegt hatte. Und gewann mit 100:0 Partien. Gegen AlphaGo Master gewann sie mit 89:11 Partien.

Das Rating für die Spielstärke von Fan Hui liegt bei ca. 2750, das von Lee Sedol bei ca. 2940. Das der AlphaGo Version, die Fan Hui beschlagen hat, bei 3144. Die Version, die gegen Lee Sedol antrat, hat ein Rating von 3739. AlphaGo Master liegt bei 4858 und die neueste Version, AlphaGo Zero, bei 5185.

Eine Software, die nur die Regeln kennt, nicht von Menschen trainiert wurde und auf läppischen 4 Prozessoren läuft (wenn auch Spezialprozessoren für maschinelles Lernen) ist also dem besten menschlichen Go-Spieler inzwischen um Lichtjahre überlegen.

Die Schlussfolgerung von Christian Stöcker in Spiegel Online:

Auf neuronalen Netzen basierende Systeme können nicht nur Go spielen, sie lassen sich für eine Vielzahl von Problemstellungen einsetzen: von Bilderkennung über Übersetzungen bis hin zur Krebserkennung oder der Entwicklung neuer Werkstoffe oder Medikamente. Sie werden in naher Zukunft Probleme lösen, an denen die Menschheit seit Jahrhunderten scheitert. Und zwar, wenn sich das Problem ausreichend exakt beschreiben lässt, ohne unsere Hilfe. Wir werden diese Lösungen womöglich nicht mehr verstehen, auch wenn sie funktionieren. (Quelle: Spiegel Online)

Das bedeutet natürlich auch, dass selbst Akademiker Ihres Jobs nicht mehr sicher sein können. Was heute nur der Mensch kann, kann vielleicht schon morgen ein Programm um ein Vielfaches besser. Je einfacher die Tätigkeit ist, desto gefährdeter dürfte der Beruf sein. Selbstfahrende Autos sind heute keine Science Fiction mehr. Sie werden Lastraftfahrer und Taxifahrer arbeitslos machen. Wenn man heute zu einem Ticket mit einem Supportmitarbeiter chattet, kann es bereits sein, dass dahinter kein Mensch, sondern ein Algorithmus steckt, ohne dass man es bemerkt. Es wird an Robotern entwickelt, die Häuser bauen.

Das mag man als Bedrohung empfinden, aber die Fertigungsroboter, die es schon gibt, haben auch nicht dazu geführt, dass alle Menschen arbeitslos wurden. Bestimmte Arbeitsplätze wurden verdrängt, andere geschaffen, vor allem aber gab es sehr hohe Produktivitätssteigerungen.

Zu Beginn der Industriellen Revolution gab es den 14- oder 15-Stunden-Tag im Winter und den 18-Stunden-Arbeitstag im Sommer, sechs Tage die Woche. Die Jahresarbeitszeit eines durchschnittlichen britischen Arbeiters lag 1840 bei 3105 bis 3588 Stunden, die eines durchschnittlichen amerikanischen Arbeiters 1850 bei 3150 bis 3650 Stunden. Das alles bei Hungerlöhnen, monotoner Arbeit, vollkommen vernachlässigter Arbeitssicherheit, ohne Krankenversicherung und ohne Rentenversicherung oder ähnliches.

Bei allen Verteilkämpfen zwischen Arbeit und Kapital ist es primär der immer weiter steigenden Produktivität zu verdanken, dass es etwas zu verteilen, bzw. „umzuverteilen“ gab und wir bei den heutigen Zuständen angekommen sind. Von 1992 bis 2013 ist die Jahresarbeitszeit von 1564 Stunden auf 1388 Stunden gesunken. Das sind nur noch 40% der Arbeitszeiten von 1840/1850. Und das bei meist ordentlichen Löhnen, gutem Arbeitsschutz und einem funktionierendem sozialen Sicherungssystem.

Wenn die Produktivität weiter steigt, kommt dann auch irgendwann etwas, dass ich vor ein paar Jahren noch für eine dämliche Schapsidee gehalten habe, die niemals funktionieren kann: das bedingungslose Grundeinkommen.

Und wenn es ganz blöd läuft, wir die Maschinen zu unseren Affen machen, die uns alles nachtragen, das eigene Hirn nicht mehr anstrengen und alle miteinander ein Rentnerdasein führen (wie heute bereits das saudische Volk) und wir lebensuntüchtig werden, dann kommt vielleicht auch irgendwann der Planet der Affen.

Aber als Optimist, der an die menschliche Neugier glaubt, denke ich, dass zumindest das Science Fiction bleiben wird.

Weitere Quellen und Artikel zum Thema:

5 Kommentare

  1. Ich fände spannend dabei zu erfahren, wie qualifiziert die Menschen sind/waren. Was meines Wissens fakt ist, ist das die Arbeiten für den Menschen immer komplexer werden und somit immer weniger niedrigqualifizierte Personen einen Job haben. Die Anforderungen werden immer höher und der Krankheitsstand wegen Überforderung ebenfalls.

    1. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass es immer weniger Jobs für niedrig Qualifizierte gibt. Ich habe mir aber die Daten zu Lebenserwartung und Krankenstand rausgesucht. Die scheinen deine These eher nicht zu bestätigen.

      Die Lebenserwartung hat sich seit 1950 bis heute um etwa 12 Jahre erhöht. Was natürlich primär dem Fortschritt der Medizin zu verdanken sein dürfte. Der Krankenstand lag 1970 bei 5,6 % ist seitdem tendentiell gesunken und lag im Tief bei 3,22 % (2007). Aktuell (2016) liegt er bei 4,28 %. Insgesamt ist er also zurückgegangen, aber eher im Sinne einer abwärts gerichteten Wellenform statt als gerade Linie. So hat er (warum auch immer) von 1983 bis 1990 und von 2007 bis 2015 zugelegt und scheint jetzt wieder zu sinken.

      https://de.wikipedia.org/wiki/Lebenserwartung
      https://de.wikipedia.org/wiki/Krankenstand
      http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/krankenstand-2016-erstmals-seit-zehn-jahren-gesunken-a-1141251.html

    1. Ja, das stimmt.

      Die Dritte oder Zweite Welt hat vielfach erst nach Ende des Kolonialismus mit der Industrialisierung begonnen und hinkt der Entwicklung der 1. Welt deshalb teils um 100 Jahre hinterher.

      Einige Länder haben rasend schnell aufgeholt – Südkorea hatte zum Beispiel sehr schlechte Voraussetzungen (bis 1948 japanische Kolonie und im Koreakrieg komplett zerstört) und ist heute trotzdem eines der weitentwickeltsten und reichsten Länder der Welt. In anderen Ecken der Welt scheint sich gar nichts Positives getan zu haben und es gibt Weltgegenden in denen der Staat regelrecht zusammengebrochen ist.

      Es scheint aber auch so, dass im Entwicklungsprozess bestimmte Etappen einfach übersprungen werden. Einen Zugang zum Festnetztelefon für die Bevölkerung etwa hat es in weiten Teilen Afrikas nie gegeben. 2008 hatten bereits 500 Millionen Afrikaner ein Mobiltelefon (60% der Bevölkerung). Inzwischen gibt es 1 Milliarde Mobilfunkanschüsse in Afrika bei 1.22 Milliarden Einwohnern. Im nächsten Jahr soll es ca. 340 Smartphones in Afrika geben. Und bei mobilen Bezahlen ist man dort weiter als etwa in Europa.

      Ich habe trotz der vielen Probleme und Katastrophen die Hoffnung, dass der Fortschritt auch an den Menschen der Dritten Welt nicht vorbeigeht und es auch dort durch Produktivitätswachstum einen für immer mehr Menschen einen Weg aus der Armut geben wird.

      http://www.dw.com/de/mobiles-afrika-leben-f%C3%BCr-den-t%C3%A4glichen-chat/a-19469877
      http://www.zeit.de/digital/internet/2013-03/afrika-mobilfunk-wirtschaft
      http://www.kika.de/erde-an-zukunft/sendungsinfos/handyafrika100.html
      https://www.welt.de/wirtschaft/bilanz/article162694583/Afrika-zeigt-der-Welt-wie-mobiles-Bezahlen-geht.html
      http://www.dw.com/de/mobiles-afrika-leben-f%C3%BCr-den-t%C3%A4glichen-chat/a-19469877

      1. Einige Länder haben rasend schnell aufgeholt – Südkorea hatte zum Beispiel sehr schlechte Voraussetzungen (bis 1948 japanische Kolonie und im Koreakrieg komplett zerstört) und ist heute trotzdem eines der weitentwickeltsten und reichsten Länder der Welt.

        …like some other country, in the middle of Europe..? [Hint: not Austria.! 😉 ]
        Seems to me that a certain bigger country, had a tremendous influence in each case.
        A coincidence..?
        Similarities..?

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